Das Nachhaltigkeitsparadoxon


Wir leben in einer Zeit der Widersprüche. Dazu ein Beispiel: Irgendwie wollen wir nachhaltig leben und Klimaschutz erscheint uns sinnvoll, aber gleichzeitig gibt es so starke Gegenbewegungen, das ist unfassbar. Nehmen wir als Beispiel die elektrischen Roller. Vor einem Jahr kannte kaum einer diese Dinger und plötzlich nur wenige Monate später überschwemmen sie in allen großen Städten weltweit die Bürgersteige. Anbieter ohne Ende bieten Rollerfahren auf Zeit an. Einfach anmelden, nutzen und wieder abstellen. Millionen von Rollern werden gefertigt und mit Batterien und Elektronik bestückt. Wie ein Heuschreckenschwarm schwärmen sie über die Städte aus. Und da sie ja vermeintlich niemandem gehören, kann man sie anschließend auch in Flüssen und Kanälen wiederfinden.

Hier sind wir beim ersten Nachhaltigkeitsparadoxon angekommen, das ich beobachte. Nutzen an Stelle von Besitzen ist ein extrem sinnvoller Trend. Millionen von PKWs müssten zum Beispiel nicht gefertigt werden. Im Durchschnitt stehen PKWs 23 h pro Tag oder 96 % ihrer Lebenszeit einfach nur rum. Würden also statistisch gesehen mehrere Personen einen PKW nutzen, so könnte Ressourcen- und Energieverbrauch für die Produktion gespart werden. Das wäre nachhaltig. Leider ist aber abzusehen, dass Menschen nur ihr Eigentum sorgsam behandeln. Menschen duschen im Hotel länger als zu Hause und sie treten aufs Gaspedal des Leihwagens, wenn der Benzinbedarf inklusive ist. Wird also Nutzen an Stelle von Besitzen die Ressourcen wirklich schonen? Um das zu erreichen, müssten wir uralte Instinkte einfach einmal so ablegen. Wer daran glaubt, der hat sich mit Menschen noch nicht wirklich beschäftigt.

Ein weiteres Nachhaltigkeitsparadoxon ist, dass heute jedem Produkt das Thema Nachhaltigkeit aufgedrückt wird, damit es sich besser verkauft. Sehr häufig ist das aber reines Greenwashing und die armen Kunden werden so in eine Falle gelockt, um dann später alle Themen der Nachhaltigkeit anzuzweifeln. Kommen wir nochmals zum Elektroroller. In Berlin, Frankfurt oder Hamburg kann man die Horden von Elektrorollern bewundern. Gerade die genannten Städte haben aber ein perfektes ÖPNV-System mit einer Taktrate, bei der man nicht auf den Fahrplan schauen muss. Man surft von U-Bahn über Straßenbahn bis Bus an jede Ecke der Stadt und das mit rasanter Geschwindigkeit. Es liegt die Vermutung nahe, dass das Geschäftsmodell Elektroroller hier den ÖPNV ersetzt. Das macht keinen Sinn. In strukturschwächeren Städten sieht man keine Elektroroller, wobei sie genau hier PKW-Kilometer ersetzen würden. Elektroroller haben zudem kleine Akkus, bei denen es sich wirtschaftlich nicht lohnt, diese zu recyclen, also werden sie weggeschmissen. Und schließlich werden Elektroroller mit elektrischer Energie betrieben, die nach wie vor zu einem Großteil in Atomkraftwerken und in Kohlekraftwerken mit großen Energieverlusten produziert wird. Daran hat sich logischerweise auch in den letzten Monaten nichts geändert. Nachhaltiges Handeln bedeutet heute immer, sich in sehr komplexen Zusammenhängen zu bewegen, daher sind Produkte erst dann nachhaltig, wenn sie so richtig durchdacht sind. In einer Zeit, in der aber schnell Millionen von Euros in Start-Ups mit neuen Geschäftsmodellen gepumpt werden, bleibt keine Zeit zum Nachdenken. Wachstum um jeden Preis, damit die Shareholder zufrieden sind.

Kommen wir zum nächsten Nachhaltigkeitsparadoxon. Technik entwickelt sich ständig weiter und unter anderem, seitdem die Themen Effizienz und Nachhaltigkeit auch auf der Liste der Kundenwünsche stehen, gibt es laufend neue, noch effizientere und leistungsfähigere Produkte. Produktlebenszyklen werden so immer kürzer. Wurden Elektrogeräte früher noch vererbt, sind heute Nutzungsdauern von 3 Jahren schon sehr lang. Danach kommen sie auf den Müll und werden im besten Fall recycelt. Schauen Sie sich an, wie sich Notebooks entwickeln. Während mein erstes Gerät maximal 1,5 bis 2 Stunden Laufzeit ohne Netzbetrieb hatte, sind heute 6-8 Stunden keine Kunst mehr. Und da auch die Software immer mehr Rechnerleistung benötigt, tauscht man munter Notebook gegen Notebook. Vor kurzem hat der namhafte Hersteller meines HIFI-Receivers mit Internettuner die Kooperation mit dem Anbieter, der die Radioliste im Web pflegte, gekündigt. Ich kann das Gerät jetzt nicht mehr nutzen. Es gibt zwar ein Softwareupdate, aber nicht mehr für mein 4 Jahre (!) altes Gerät, sondern nur für „neue“ Geräte. Also ab auf den Müll! Und wie gesagt, es handelt sich um einen großen und namhaften Hersteller. Ihm ist dieses Verhalten noch nicht einmal peinlich und warum er es nicht schafft, eine eigene Website mit einer Senderliste anzulegen, ist mir ein Rätsel. Ein wenig Programmierung und Service und schon würden hunderttausende von Geräten noch genutzt werden können.

Ein weiteres Nachhaltigkeitsparadoxon ist der Rebound-Effekt, den ich schon einmal in einem Blogbeitrag in 2013 besprochen hatte. Schaue Sie noch einmal dort vorbei, wenn Sie auf ein weiteres Paradoxon Lust haben.

Und zum Abschluss der Paradoxien will ich noch die Frage stellen, ob wir Menschen eigentlich so weit sehen können, wie es notwendig wäre, um nachhaltig, also im Bewusstsein der Auswirkungen unseres heutigen Tuns auf die Zukunft, zu agieren. Ich fürchte, dass wir uns dies mühsam erarbeiten müssen, und habe natürlich auch ein Beispiel für meine Vermutung. Die Geschichte der Elektronachtspeicherheizung ist aberwitzig. In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde die Elektronachtspeicherheizung als Alternative zur Kohle- oder Ölheizung vielfach verbaut. Gerade in Mietwohnungen und bei Sanierungen war natürlich willkommen, dass lediglich ein Stromkabel verlegt werden musste. Formsteine im Inneren der Heizkörper sorgten dafür, dass die Wärme gespeichert wird, so dass elegant Nachtstrom in Zeiten geringen Gesamtbedarfs genutzt wird. Eigentlich eine geniale Idee. Auch in den 70er Jahren in Zeiten der Ölkrisen stieg der Anteil der Elektronachtspeicherheizungen weiter an. In den 80er Jahren drang dann die natürlich auch schon vorher bekannte Tatsache in das Bewusstsein der Menschen, dass elektrische Energie mit großen Verlusten in den Kraftwerken produziert wird und dass die Nachtspeicherheizung wohl nicht so ökologisch sei. Es wurden Förderprogramme zur Entfernung der Nachtspeicherheizungen aufgelegt und sie wurden im großen Maße rückgebaut. Dann begannen in den 80er Jahren die ersten Aktivisten sich mit Photovoltaik und Windstrom zu beschäftigen. Was in den 90er Jahren dann noch Aufbauarbeit wurde, wurde in den 2000er Jahren zur großen Energiewende und zum großen Geschäftsmodell hin zum regenerativen Stromangebot. Und heute? Heute wäre eine Nachtspeicherheizung mit regenerativem Strom eine schlaue Idee. Wärmepumpen sind ebenso eine Elektroheizung, wenn auch natürlich unter Einsatz von Erdwärme also mit besserer Effizienz. Strom ist heute aber nicht mehr „böse“ und wenn wir den Anteil der regenerativen Energien ausbauen, ist Heizen mit elektrischer Energie eine echte Alternative zur Öl- oder Gasheizung. Die intelligente Idee der (Nacht-)Speicherheizung hätte dabei die Möglichkeit der zeitlichen Netzentlastung, was gerade bei regenerativem Strom (Sonne scheint, Wind weht) notwendig ist.

Also was will ich sagen? Ich finde das zunehmende wachsende Bewusstsein für Nachhaltigkeit einfach nur genial. Das ist eine phantastische Entwicklung, die es vor 20 Jahren nur in Nischen der Gesellschaft gab. Vielen Dank an alle, die hier mitwirken und sei es nur, dass Sie eine Papiertüte an Stelle einer Plastiktüte beim Einkauf nutzen. Jeder Beitrag ist zunächst einmal wertvoll.

Was mir fehlt, ist der nüchterne Blick. Bewegen wir wirklich etwas? Wirtschaften wir wirklich nachhaltiger? Erst wenn wir nüchtern die Themen betrachten und bilanzieren, haben wir die Chance, uns weiterzuentwickeln. Liebe macht blind und so geht es der Begeisterung für Nachhaltigkeit leider auch. Die Beweise für diese ernüchternde Erkenntnis findet man im stetig wachsenden Energiebedarf, in der stetigen Zunahme von Inlandsflügen, in den immer größer werdenden SUVs oder im stetig wachsenden Ressourcenverbrauch. Zwar haben wir den Ressourcenverbrauch pro Produkt reduziert, wir erzeugen nur viel mehr Produkte pro Zeit und erreichen damit im Ergebnis das Gegenteil von Nachhaltigkeit.

Wenn das nicht paradox ist.

 

 

Bernhard Frohn

"Mich begeistern nachhaltige Lösungen, die langfristig alle zu Gewinnern machen. Einseitiges Wirtschaften zum kurzfristigen Nutzen weniger wird uns auf die Füße fallen. Das ist kein politisches Statement von mir, sondern ich behaupte, dass nur mit konsequenter Nachhaltigkeit langfristig unsere sozialen und wirtschaftlichen Systeme stabil bleiben werden. Die zunehmende Instabilität unserer sozialen und wirtschaftlichen Systeme sind gerade gut zu beobachten. Kann mir jemand erklären, wie in einem der reichsten Länder der Welt, nämlich in Deutschland, die Kinderarmut steigen kann? Hier ist HANDELN angesagt, wie gesagt, zum Wohle Aller und mit dem Blick in die Zukunft!"

Eine Antwort auf „Das Nachhaltigkeitsparadoxon

  1. Ihr Beitrag „spricht mit aus der Seele“ – dieses Paradoxon lässt sich an sehr vielen Stellen im Alltag beobachten.
    Einig der Vergleich der Plastik- mit der Papiertüte hinkt – es ist wohl so, dass die Herstellung einer Papiertüte etwa doppelt soviel Energie benötigt wie die einer Plastiktüte, während Ersterer aber hufig nur ein, zwei Mal verwendet wird (siehe z.B. https://orange.handelsblatt.com/artikel/31005). Vielleicht ist es hier der Verzicht auf Einweg-Verpackungen, bei dem jeder von uns anfangen kann (ToGo-Kaffeebecher, Styroporbehälter, Tüten jeder Art etc.)!

    Liken

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