Plusenergiehaus – und andere Märchen


Es gibt Themen, die hören sich einfach an. Ein Plusenergiehaus speist eben mehr Energie ein, als es verbraucht. Das muss doch Sinn machen! Dass viele Themen nicht so einfach sind, wie sie sich anhören, zeigt dieser Blogartikel und übrigens auch der Beitrag zu dem Thema bei Wikipedia, den Sie ebenfalls lesen sollten. Wikipedia und auch mir ist nämlich gar nicht klar, was ein Plusenergiehaus eigentlich ist.

Aber beginnen wir mit dem Aachener Dom, der ist zwar nicht so bekannt, aber ziemlich schön und er steht in meiner Heimatstadt.

Der Aachener Dom ist bekanntermaßen von außen nicht gedämmt und tatsächlich finde ich das gut. Der Energiebedarf für die Beheizung ist also deutlich größer, zumal die Architekten des Aachener Doms im 8. Jahrhundert nach Christi das Webinar zum Thema A/V-Verhältnis (Außenflächen-/Volumenverhältnis) verpasst haben, da sie auf Wildschweinjagd waren. Energieeffizienz muss man also dem Aachener Dom nicht vorwerfen. Man sollte hingegen seine Schönheit bestaunen. Nähme man nun ein richtig großes Blockheizkraftwerk (BHKW), das gleichzeitig Wärme und elektrische Energie erzeugt, dann könnte der Aachener Dom ein Plusenergiehaus sein.

Verstehen Sie, was ich mit dem Beispiel des Aachener Doms sagen will?

Es ist beim Plusenergiehaus vollkommen egal, wie effizient das Gebäude ist. Sie müssen nur die Energieerzeugungskeule groß genug machen und schon haben Sie gewonnen. Toll gell? Jetzt höre ich schon die Immernochbefürworterdesplusenergiehauses sagen, dass ja wohl die Plusenergieerbauer und -architekten auf Energieeffizienz achten werden. Diese Fangruppe bitte ich auch noch den Absatz ganz unten, bei dem es um die von uns nachgemessenen Gebäude geht, zu lesen und ich bitte sie demnächst Energieeffizienz und Plusenergie – und zwar in dieser Reihenfolge – zu nennen. Denn in dieser Kombination und zwar NUR in dieser Kombination könnte Plusenergie Sinn machen. Denn die Quittung eines Plusenergiehauses, das nicht effizient ist, kommt dann später per überhöhten Nebenkosten. Das Problem ist allerdings, dass 99,9 % der Bevölkerung zwar den Benzinverbrauch ihres PKW kennen, aber keine Kennzahlen für Heizung, Kühlung, Lüftung oder Beleuchtung eines Gebäudes nennen können.

Aber es geht halt noch weiter mit meinem Kommentar.

Primärenergie spielt bei dem Plusenergiehaus keine Rolle, wie auch die Autoren bei Wikipedia zurecht schreiben. Mei, was ist das jetzt? Primärenergie ist nämlich für den Umweltschutz die maßgebende Größe, da die Primärenergiebilanz die gesamte Erzeugungskette für die Energiewandlung beschreibt. Das heißt für den Aachener Dom könnte man auch ein BHKW mit Schweröl befeuern und er wäre dennoch ein Plusenergiehaus? Ja das geht! Das Plusenergiehaus zielt einzig auf die Endenergie, also diejenige, die ich an der Gebäudegrenze in Form von Gas, Öl oder elektrischer Energie einkaufe, ab. Ob das Erdöl fünfmal um den Globus transportiert und aus der Tiefsee mit gigantischem ENERGETISCHEM Aufwand gefördert wurde, spielt keine Rolle. Das kann nicht sein, schließlich hört sich Plusenergiehaus positiv an und soll vermeintlich einen Beitrag zum Umweltschutz bieten, oder?

Und jetzt kommt noch ein Thema, das Sie wundern wird.

Manchmal macht es Sinn, extrem zu denken, um ein Thema zu verstehen. Stellen Sie sich vor, alle nicht so energieintensiven Gebäude wären Plusenergiehäuser. Dann würden 90 % der Gebäude die elektrische Energie ins öffentliche Netz einspeisen, so dass energieintensive Industriebetriebe, Krankenhäuser und Elektroautos diese Energie nutzen können. Hört sich gut an, oder? Könnte ein Geschäft werden. Das Problem ist nur, dass dazu Verteilnetze notwendig sind, über die die elektrische Energie fließt. Der Bau und der Betrieb dieser Netze werden bisher über die eingekaufte Kilowattstunde Endenergie bezahlt. Die Plusenergiehäuser würden also keinen monetären Beitrag zu den Verteilnetzen leisten, würden sie aber natürlich nutzen. Was glauben Sie, wie lange es dauern würde, bis die Netzkosten dann nicht mehr per eingekaufter Kilowattstunde, sondern als Pauschalbetrag auch vom Konto der Plusenergiehäuser abgebucht werden würden? Schließlich müssen die Netze betrieben werden und da wir immer mehr regenerative Energie über weite Strecken transportieren wollen (z.B. elektrische Energie von Windparks in der Nordsee) werden die Netze in Zukunft sogar noch ausgebaut werden müssen. Andere Länder zeigen uns, wie unflexibel sie mit Zukunftsenergien sind, nur weil die Übertragungsnetze nicht ausgebaut sind. Eines der Zukunftsthemen ist daher der Netzausbau, an dem sich das Plusenergiehaus nicht beteiligen will, obwohl es die Netze nutzt. Und da deshalb so sicher wie das Amen in der Kirche Netzentgelte erhoben werden müssen, werden auch die Plusenergiehäuser Gebühren für Energie(netze) bezahlen müssen.

Für alle Fans des Plusenergiehauses, die bis hierher noch durchgehalten haben, kommt jetzt der Dolchstoß. Die Tatsache ein Plusenergiehaus zu sein, wird nur auf dem Papier nachgewiesen. Hier werden Bilanzen mit einem theoretischen Energiebedarf erstellt und wenn die auf dem Grundstück erzeugte Energie größer als die vom Gebäude angeblich benötigte Energie ist, dann gewinnt der Papiertiger. Wir und andere Kollegen, die gerne schon einmal Gebäude einfach nachmessen, wissen, dass im DURCHSCHNITT (!) der Energiebedarf DOPPELT so hoch wie in der Theorie ist. Damit sollte allen klar sein, dass es nur sehr, sehr, sehr wenige Plusenergiehäuser gibt. Bitte glauben Sie nur über viele Jahre nachgemessenen Werten.

Für alle diejenigen, die jetzt nicht mehr wissen, was ein energetisch gutes Gebäude ist, empfehlen wir eines mit einer Energiegarantie. Bei einer Energiegarantie zählt der reale Verbrauch und es geht nicht um irgendwelche Nachweise, die nur auf dem Papier eingehalten werden müssen. Die PKW-Branche zeigt uns sehr schön, welcher Fake hier möglich ist. Auch hier wurden und werden uns Energiewerte angepriesen, die nicht annähernd eingehalten werden.

Ich befürchte, dass der Klimawandel von Fake News nicht sehr beeindruckt sein wird.

Bernhard Frohn

"Mich begeistern nachhaltige Lösungen, die langfristig alle zu Gewinnern machen. Einseitiges Wirtschaften zum kurzfristigen Nutzen weniger wird uns auf die Füße fallen. Das ist kein politisches Statement von mir, sondern ich behaupte, dass nur mit konsequenter Nachhaltigkeit langfristig unsere sozialen und wirtschaftlichen Systeme stabil bleiben werden. Die zunehmende Instabilität unserer sozialen und wirtschaftlichen Systeme sind gerade gut zu beobachten. Kann mir jemand erklären, wie in einem der reichsten Länder der Welt, nämlich in Deutschland, die Kinderarmut steigen kann? Hier ist HANDELN angesagt, wie gesagt, zum Wohle Aller und mit dem Blick in die Zukunft!"

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