Neulich im hippen Coworking Space


Man muss es gesehen haben, um es zu glauben: Diese neuen Coworking Spaces in unserer Hauptstadt, in denen Start-ups gedüngt werden, um dann zu wachsen. Da hocken in teilweise richtig schlechten Bürogebäuden auf engstem Raum und zu erstaunlich hohen Mieten auf nicht ergonomischen Büromöbeln junge Leute und wollen in der raumakustischen Atmosphäre einer Megaparty ihr Geschäftsmodell zum Fliegen bringen. Bier ist kostenlos, Ablenkung auch.

Gutes Raumklima, gute Raumakustik, der Einfluss von Tageslicht auf den Menschen, es gibt Erkenntnisse für moderne Arbeitswelten ohne Ende, die hier missachtet werden. Wie kann das sein? Ich versuche einmal ein Pro und Contra aufzustellen, um alle Aspekte zu beleuchten.

Pro

Erfolgreiche Geschäftsmodelle entstehen ausschließlich in den Köpfen der Gründer. Und was sich in den Köpfen abspielt, ist das Ergebnis aus Erlebnissen und Erfahrungen und dann der Transformation auf neue Themen. Nur wenige Gründer sind so genial, dass sie sich komplexe Geschäftsmodell alleine ausdenken können. Viel besser ist es, sich mit anderen auszutauschen, zu diskutieren und die Idee zu schärfen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Entwicklung eines innovativen Geschäftsmodells ein jahrelanger mäandrierender Weg ist. Da kann sich schon einmal ein jahrelang existierendes Problem einmal eben durch ein neues Partnerunternehmen einfach in Luft auflösen, weil dieses Unternehmen das Problem schon gelöst hat. Letzte Woche hatte ich gerade ein solches Erlebnis, genial!

Interaktion und Open Innovation sind daher definitiv angesagt. Und wo lerne ich Lösungspartner kennen? Na klar im Coworking Space wimmelt es von Menschen, die sich gerade auf demselben Weg befinden. Durch offene Bürostrukturen, an Biertheken und bei Vorträgen wird dem Zufall kräftig nachgeholfen. Wer hier aktiv ist und auf andere Menschen zugeht, findet Gleichgesinnte. Und wenn diese nicht sogar Kooperationspartner werden, so haben sie zumindest alle dieselben Probleme für Marketing, Vertrieb, Buchhaltung, Recht oder Finanzierung und können sich gegenseitig helfen.

Neben dieser faktischen Seite gibt es die nicht minder wichtige psychische Komponente. Eine modern gestaltete Umgebung inspiriert. Meine Gedanken sind unter anderem das Ergebnis meiner Umgebung. Das Gehirn kann schnell abstumpfen, wenn ich immer dasselbe sehe. Im klassischen Bürogebäude stellen wir im Zellenbüro (damit das Wort Zelle so richtig funktioniert, stelle ich mir ein unverglastes, geschlossenes und so isoliertes Büro vor 😉 das Bild von Ehefrau oder Ehemann auf den Schreibtisch und haben dann 2000 Stunden pro Jahr immer dieselben Routinen und dieselben Blicke. Hier gibt es dann wenig Neues und die Neuronen in unserem Gehirn werden sich mit dem nächsten Urlaub beschäftigen wollen, um noch irgendeine anregende Abwechslung zu haben. Das ist nicht sehr zielführend.

Das Coworking Space wirkt hier definitiv anders auf uns. Hier sind die Neuronen unter Dauerreiz und hier bekomme ich neue Gedanken und neue Ideen.

Contra

Kein Unternehmen kommt nur mit einer guten Idee aus. Nach der Idee kommt die lange Phase der fokussierten Umsetzung der Idee in ein funktionierendes Geschäftsmodell. Für die Umsetzung sind Ruhe und Rückzug sehr wichtig, was mir natürlich auch das Coworking Space bieten kann, wenn denn die Personendichte nicht so hoch ist, wie ich es dort gesehen habe.

Gutes Raumklima und gute Raumakustik kommen in dieser Phase der Unternehmensentwicklung auch zum Tragen. Natürlich sind 30-jährige noch deutlich belastbarer und können sich daher auch mit nicht ergonomischen Möbeln anfreunden, gesund sind diese aber auch für sie nicht. Und spätestens ein paar Jahre später, wenn die ersten Bürokrankheiten einsetzen oder wenn direkt ein älterer Kollege eingestellt werden soll, wird dann doch deutlich, dass die Forschung zum Thema ergonomische Büroumgebung einen Sinn ergibt. Wenn nämlich die Produktivität einbricht, da Krankheitstage hinzukommen, das Klima schlecht ist oder die Raumakustik konzentriertes Arbeiten nicht zulässt, dann reicht der Effekt des hippen Coworking Spaces, der eindeutig vorhanden ist (siehe oben), alleine nicht mehr aus.

Quintessenz

Ein hipper Coworking Space ist genau so gut und genau so schlecht wie das klassische Bürogebäude. Der Mittelweg wäre der richtige. Ein Coworking Space sollte in Bürogebäuden stattfinden, die die Erkenntnisse moderner Arbeitswelten in ALLEN Aspekten auch der Nachhaltigkeit konsequent umsetzt. Die notwendige Bürofläche pro  Personen ist zum Beispiel nicht ohne Grund in der Arbeitsstättenrichtlinie geregelt. Was in dem sehr großen Coworking Space, den ich mir angesehen habe, wohl aus Kostengründen teilweise angeboten wird, ist dann schon eher frech und funktioniert für junge Unternehmen nur auf Zeit. Der Auszugstermin wird schneller kommen, als sich dies die Vermieter wünschen werden. Statistiken beweisen dies. Ein Großteil der Arbeitnehmer im Coworking Space ist unter 30 Jahre alt und das Durchschnittsalter aller Mitarbeiter liegt aktuell bei 36 Jahren. Junge Menschen haben innovative Ideen, aber irgendwann bei der Entwicklung eines Geschäftsmodells ist eine Mischung des Personals hinsichtlich des Alters dringend notwendig.

Das klassische Bürogebäude sollte auch ausgedient haben. Unkommunikative Grundrisse mit dunklen Fluren reichen nur noch aus, um alte Geschäftsmodell zu Grabe zu tragen. Das Bürogebäude sollte vom hippen Coworking Space lernen und Teile davon übernehmen. Insofern ist dieser Blogbeitrag keine Aussage gegen Coworking Spaces oder gegen klassische Bürogebäude, sondern für den richtigen Kompromiss. Wir neigen heute zu Extremen, um dann zu erkennen, dass es in der Vergangenheit ja doch auch gute Erkenntnisse gab.

Uns fehlen halt nur die Bürogebäude, in denen diese Erkenntnisse umgesetzt werden können. Viele Neubauten haben mit Zukunft nichts zu tun. Das ist umso schlimmer, wenn man bedenkt, dass sie ab jetzt noch mindestens 50 Jahre genutzt werden sollen.

 

Bernhard Frohn

"Mich begeistern nachhaltige Lösungen, die langfristig alle zu Gewinnern machen. Einseitiges Wirtschaften zum kurzfristigen Nutzen weniger wird uns auf die Füße fallen. Das ist kein politisches Statement von mir, sondern ich behaupte, dass nur mit konsequenter Nachhaltigkeit langfristig unsere sozialen und wirtschaftlichen Systeme stabil bleiben werden. Die zunehmende Instabilität unserer sozialen und wirtschaftlichen Systeme sind gerade gut zu beobachten. Kann mir jemand erklären, wie in einem der reichsten Länder der Welt, nämlich in Deutschland, die Kinderarmut steigen kann? Hier ist HANDELN angesagt, wie gesagt, zum Wohle Aller und mit dem Blick in die Zukunft!"

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