Zurück in die Vergangenheit


Ich bin neidisch. Ich gebe es gerne zu, ich wünschte mir ab und zu die Aufmerksamkeit, die das Auto genießt, auch für die Baubranche. Verdient hätte sie es, da optimierte Gebäude gemessen an der Umweltschädigung deutlich mehr zur Vermeidung des Klimawandels beitragen könnten, als dies der PKW kann. Gebäude haben nämlich neben der Tatsache, dass es davon sehr viele und sehr große gibt, den Nachteil, dass sie 40 – 50 Jahre kaum erneuert werden. Verpasst man daher einen Innovationszyklus, ist das halbe Jahrhundert schnell vorbei. Und da das Gebäude wenig Aufmerksamkeit genießt, kann hier jeder Unfug als Innovation verkauft werden. Wollen Sie ein Beispiel? Dann legen wir los:

Die Einzelraumregelung im Bürogebäude ist eine solche „Innovation“. Die Einzelraumregelung im Büro bedeutet, dass jeder Nutzer sein eigenes Raumklima einstellen kann. Hört sich gut an, oder? Das Problem ist nur, dass die Nutzer auch davon Gebrauch machen. Da die Innenwände ungedämmt sind, überträgt sich eben die Wärme oder Kälte auf den Nachbarraum. Wenn also der eine gerade mit der Einzelraumregelung kühlt und der andere gerade damit heizt, dann ist das so ähnlich wie ein PKW mit zwei Lenkrädern. Die Richtung ist dann nicht ganz klar und beim Bürogebäude führt diese Regel“strategie“ schlicht zur Energievernichtung. 200 – 300 % höheren Energiebedarf haben wir bei solchen Bürogebäuden nachgemessen. Das entspricht dann einem amerikanischen Hummer mit 30 l Benzinverbrauch auf 100 km. Merkt nur niemand, da man nicht tanken muss!

Noch ein Problem der Einzelraumregelung kommt dann zum Tragen, wenn wir an ein Doppelbüro denken. Ein Doppelbüro mit zwei Mitarbeitern entspricht dann einem PKW mit drei Lenkrädern. Hier müssen sich zunächst einmal die Nutzer des Doppelbüros einig werden, welches Raumklima sie fahren wollen, ehe sie gegen die Einzelraumregelung der Nachbarn ankämpfen können. Sollten also moderne Arbeitswelten nicht nur aus Einzelbüros bestehen, dann funktioniert die Einzelraumregelung nicht. Wie kann sie dann eingebaut und viel schlimmer noch beworben werden? Wie oben betont, Neubauten, die heute damit bestückt werden, werden in 40 Jahren noch diese Technik haben, da eine Sanierung sehr teuer ist. Das wird dann so sein, dass wir mit unserem autarken Flugtaxi, indem wir gerade noch mit einem holografischen Projektor eine Videokonferenz abgehalten haben, zu unserem Bürogebäude reisen und dort per Einzelraumregelung die Heizung einschalten. Echt Retro.

Die Einzelraumregelung ist also genauso innovativ wie die Erfindung des Lenkrades. Ich weiß nicht, ob heute noch ein Kunde für einen PKW gewonnen werden kann, weil dieser ein Lenkrad hat. Die PKW-Firmen entwickeln gerade selbstfahrende Autos mit künstlicher Intelligenz und setzen die am besten ausgebildeten Menschen für eine unfassbar komplexe Aufgabe ein und sie werden das Ziel sogar erreichen. Und in der Baubranche da bauen wir Einzelraumregelungen.

Was wäre es ein Traum, wenn die Nutzer von Bürogebäuden den Energiebedarf für Heizung, Kühlung oder Beleuchtung kennen würden, so wie jeder den Benzinbedarf seines PKWs auswendig nennen kann. Oder wenn sie wüssten, wie unglaublich antiquiert eine Einzelraumregelung, eine Klimaanlage oder ein Heizkörper sind und dass sie neben der Umwelt auch ihrer Gesundheit nicht zuträglich sind. Dann und nur dann würde sich etwas tun. Und dann würden auch Bürogebäude nach dem heutigen Stand der Wissenschaft und der Forschung gebaut werden. Dann würden Wettbewerber um Innovation ringen und dann würde Effizienz und Künstliche Intelligenz vergleichbar dem PKW oder dem Smartphone auch in Gebäuden Einzug halten.

Was für ein Traum. Ich habe mir vorgenommen, bis zur Realisierung dieses Traums einfach neidisch zu bleiben und zwar konsequent.

 

 

Bernhard Frohn

"Mich begeistern nachhaltige Lösungen, die langfristig alle zu Gewinnern machen. Einseitiges Wirtschaften zum kurzfristigen Nutzen weniger wird uns auf die Füße fallen. Das ist kein politisches Statement von mir, sondern ich behaupte, dass nur mit konsequenter Nachhaltigkeit langfristig unsere sozialen und wirtschaftlichen Systeme stabil bleiben werden. Die zunehmende Instabilität unserer sozialen und wirtschaftlichen Systeme sind gerade gut zu beobachten. Kann mir jemand erklären, wie in einem der reichsten Länder der Welt, nämlich in Deutschland, die Kinderarmut steigen kann? Hier ist HANDELN angesagt, wie gesagt, zum Wohle Aller und mit dem Blick in die Zukunft!"

Eine Antwort auf „Zurück in die Vergangenheit

  1. Lieber Bernhard Frohn

    So lieb mir Ihre Beiträge bei Bob geworden sind, so wenig Verständnis bringe ich gerade auf bei diesem Artikel. Seit bald 40 Jahren bin ich in der Gebäudeautomation unterwegs und kann nicht glauben, was ich hier lese.
    Wenn sie die einzelnen Räume oder Zonen in einer Open Space Umgebung nicht regulieren wollen, was bitte unternehmen sie um den Komfort und den Ansprüchen ihrer Kunden zu entsprechen? Übrigens, dem Begriff Einzelraumregulierung ist nicht nur das einstellen einer Temperatur hinterlegt, sondern auch Luftqualität, Beleuchtung und Beschattung. Auch dem Vergleich mit dem Auto hält die einzelraum Regelung sehr gut stand. Moderne tolle Autos regulieren nämlich exzellent auf eine einmal eingestellte Temperatur. Einzig der Nutzer ist das Problem, der wie vor 40 Jahren beim einsteigen die Temperatur ganz nach oben oder unten dreht, vermeintlich weil es schneller geht…
    Ich akzeptiere Kritik für die es sicher partiell auch gute Gründe gibt. Dieser Rundumschlag allerdings ist nicht angebracht. Findige Köpfe, übrigens auch solche aus Deutschland, haben die seit Jahren weltweit anerkannten Normen z.B. ISO EN DIN 16484-3 oder die VDI Richtlinie 3813 ff über die Einzelraumregulierung verfasst.
    Richtig und zuverlässig angewendet bringt diese Komponente höchste Energieeffizienz bei maximalem kundennutzen. Bin gespannt, welche Vorschläge sie denn offerieren, um die Einzelraumregulierung wegzulassen?

    Freundliche Grüße aus Zürich
    Bruno Kistler
    Vizepräsident GNI

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