Scrum für die Baubranche?


Wie kann es eigentlich sein, dass Kosten, Qualität und Fertigstellungstermin für Bauvorhaben scheinbar immer häufiger weit verfehlt werden? Was läuft hier schief? Wir haben doch die besten Tools, die es jemals gab. Wir planen in 3D, schauen uns das Ergebnis mit der Datenbrille an und können jeden Planungs- und Baubeteiligten per Mail, Smartphone oder Videokonferenz jederzeit erreichen. Im Angesicht dieser Möglichkeiten klingt es überraschend, dass 80 % der Gebäude, in denen wir aktuell wohnen und arbeiten, noch mit Tusche gezeichnet wurden. Das scheint ja funktioniert zu haben.

Früher war alles besser, nein, so einfach ist die Auflösung des Rätsels nicht. Die Anforderungen an moderne Bauvorhaben wie Bürogebäude sind gewaltig gestiegen. Heute werden flexible Systeme für die dynamischen und flexiblen Arbeitswelten erwartet. Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung, Energieeffizienz, gesundes Arbeiten, Brandschutz, Schallschutz, Raumakustik, Digitalisierung des Arbeitsplatzes, Schutz vor Radonstrahlung, Einhaltung des Mindestlohns usw., die Liste der Anforderungen ist lang. Und selbstverständlich soll das Endergebnis bezahlbar sein.

Diese Komplexität der Planungs- und Bauaufgabe macht neue Managementmethoden notwendig. Und hier ist Scrum eine interessante Methode. Scrum stammt aus der Softwarebranche und ist dort schon bewährt. Ich gebe im Folgenden einmal meine persönliche Wahrnehmung von Scrum wieder. Ich bin kein Scrum-Experte und bin auch nicht geschult, daher sprechen Sie besser Profis an, wenn Sie sich vertieft informieren wollen. Von dem Weg, wie Scrum in die Baubranche übertragen werden kann, habe ich allerdings ein klares Bild.

Scrum setzt an Stelle von Projektleitung und Projektsteuerung die Eigenverantwortung des Teams. Es gibt nicht mehr einen, der für alle anderen plant, was sie wann wie zu machen haben, sondern es gibt das Team, dass sich sehr dynamisch austauscht und auch eigenständig entscheidet, wie das Ziel zu erreichen ist. Scrum nutzt natürlich auch die Zerteilung einer großen Aufgabe in Teile. Bei einem 10 km Lauf macht es keinen Sinn, beim Start an das Ziel zu denken, sondern man zergliedert die Aufgabe zum Beispiel besser in Stadionrunden. So kann man anhand der Rundenzeit kontrollieren, ob man nach wie vor sein Ziel, die 10 km in einer gewissen Zeit zu laufen, erreichen kann. Nach einer Stadionrunde soll laut Scrum wieder ein Teilergebnis an den Kunden übergeben werden. Nur so wird verhindert, fünf Stadionrunden zu laufen, um dann zu merken, dass man im falschen Stadion ist. Eine Stadionrunde nennt Scrum übrigens einen Sprint, was bitte nicht mit Geschwindigkeit zu verwechseln ist.

Die Baubranche agiert diesbezüglich schon länger so, wie es Scrum heute fordert. In mehreren iterativen Schleifen wird das Ziel immer weiter konkretisiert und regelmäßig werden dem Kunden Zwischenergebnisse vorgestellt.

Jetzt aber beginnt das eigentliche Problem bei der Realisierung eines Bauvorhabens. Neben dem Architekten, dem Tragwerksplaner und dem Gebäudetechniker arbeiten mindestens zehn weitere wichtige Experten an der Planungsaufgabe und etliche weitere Gewerke sind auf der Baustelle zu finden. Das verspricht viele Schnittstellen, viele Missverständnisse und sehr viele verlorene Informationen. Scrum löst das Problem durch Kommunikation und damit ist ganz sicher nicht die E-Mail gemeint. Gemeint ist häufige und sehr schnelle Kommunikation und das sowohl in der Planung als auch auf der Baustelle. In kurzen Meetings mit allen wesentlichen Beteiligten werden das Erreichte, das Geplante und die Probleme angesprochen. Auf der Baustelle könnte dies täglich in nur 15 min erfolgen. Dadurch erfahren alle Schnittstellenkollegen die Probleme und es kann gemeinsam nach Lösungen gesucht werden. Isolierte Lösungen, die nur dem Einzelnen dienen, funktionieren in Zeiten von Vernetzung immer seltener.

Im Unterschied zur Softwareentwicklung handelt es sich bei Bauvorhaben um das Werk von mehreren Unternehmen, die, jedes für sich, wirtschaftlich agieren müssen. Eine Kooperation kann sich daher nur dann ergeben, wenn der Bauherr dies auch zulässt. Wenn Strafen (z.B. Vertragsstrafe bei zu spätem Einzug etc.) und andere Androhungen die Firmen „motivieren“ sollen, dann ist logisch, dass der eine gegen den anderen arbeitet. Ich glaube, es ist vielen Bauherren immer noch nicht bekannt, wie wichtig ihre Rolle ist. Man stelle sich vor, die Verteidiger bei Bayern München würden einzeln mit einer Vertragsstrafe belegt, wenn hinten ein Tor fällt. Wie wollen Sie diese Verteidiger dazu motivieren, sich in den Angriff einzuschalten? Regeln müssen so aufgestellt werden, dass sie das Team und nicht den Einzelnen betreffen.

Ein weiteres Element von Scrum, das ich betonen möchte, ist die Transparenz. Bei Scrum werden die Aufgaben zum Beispiel der nächsten beiden Wochen visualisiert. Dabei werden diese Aufgaben Personen bzw. Firmen zugeordnet. In einem Scrum-Meeting wird dann sichtbar, welche Aufgabe begonnen oder fertiggestellt wurde. Ein Ampelsystem kann visualisieren, welche Aufgaben sich zeitlich in einem kritischen Zustand (gelbe Ampel) befinden oder welche schon überfällig (rote Ampel) sind. Die erledigten Aufgaben werden in einem beruhigenden Grün dargestellt. Bei einem Scrum-Meeting werden Sie dann erleben, wie peinlich den Besitzern der roten Aufgaben dieser Zustand ist. Und sollten Sie als Projektmanager oder Bauherr feststellen, dass dies den Firmen gar nicht peinlich ist und nur Ausreden gesucht werden, dann wissen Sie schon im zweiten oder dritten Meeting mit welchem Pappenheimer Sie es zu tun haben. Hier würde Jupp Heynckes das Einzelgespräch suchen und wenn auch das nicht fruchtet, ist der Spieler schneller auf der Ersatzbank, als er das Wort Scrum aussprechen könnte.

Mittlerweile gibt es neben dem einfachen Papier als Instrument der Visualisierung natürlich auch Scrum-Software. Per Smartphone, Tablett oder PC hat jeder Beteiligte so jederzeit und an jedem Ort die vollständige Transparenz zu seinen Aufgaben. Welche Aufgaben stehen für mich an, bin ich im Zeitrahmen, welche Ergebnisse sind abgenommen worden, ist das Vorgewerk fertig usw. Der Bauherr und dessen Projektsteuerer sehen darüber hinaus laufend, ob der nächste Meilenstein oder auch der Einzugstermin gefährdet sind. Im Idealfall entsteht so ein langsam aber stetig fließender Prozess, wie er auch in der Industrie zu beobachten ist. Und da jede Aufgabe auch mit Geld verbunden ist, kann neben der Zeit auch der Geldstrom live beobachtet werden. Das wäre Bauen der nächsten Generation.

In der Industrie wird als Prozessmethode häufig Kanban angewandt und es gibt noch viele weitere Methoden, agile Prozesse zu strukturieren. Im Wesentlichen geht es darum, die Menschen weg von einer stark hierarchischen Fließbandarbeit in Einzelschritten hin zur Lösung komplexerer Aufgaben im Team zu bringen. Denn das ist die Herausforderung in der Zukunft. Insofern sollten Methoden wie Scrum oder Kanban nicht als Mode abgetan werden. Diejenigen die das tun, werden sich bald wundern, wie Wettbewerber auf der Überholspur an ihnen vorbeisausen.

 

P.S.: Das Foto oben zeigt einen Scrum (Gedränge) beim Rugby. Irgendwie denke ich jedes Mal, dass die Herren sich nicht entknotet bekommen und dann plötzlich hat doch jemand die Lösung. Man muss eben nur lange genug um die beste Lösung ringen.

Bernhard Frohn

"Mich begeistern nachhaltige Lösungen, die langfristig alle zu Gewinnern machen. Einseitiges Wirtschaften zum kurzfristigen Nutzen weniger wird uns auf die Füße fallen. Das ist kein politisches Statement von mir, sondern ich behaupte, dass nur mit konsequenter Nachhaltigkeit langfristig unsere sozialen und wirtschaftlichen Systeme stabil bleiben werden. Die zunehmende Instabilität unserer sozialen und wirtschaftlichen Systeme sind gerade gut zu beobachten. Kann mir jemand erklären, wie in einem der reichsten Länder der Welt, nämlich in Deutschland, die Kinderarmut steigen kann? Hier ist HANDELN angesagt, wie gesagt, zum Wohle Aller und mit dem Blick in die Zukunft!"

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