Zukunft inside?


Alle Produkte sind natürlich heute smart und nachhaltig. Darunter geht es nicht. Was aber ist clever und was ist zukunftstauglich? Soll ein Smartphone 20 Jahre lang halten, ist ein T-Shirt für 5 € clever? Ich denke, dass die Antwort auf der Hand liegt, und es ist wohl nicht so einfach, wie das Marketing es verspricht. Bei einem Smartphone macht es eben keinen Sinn, über eine solche Lebensdauer nachzudenken, da die IT viel zu dynamisch ist. Und das T-Shirt für 5 € wird vielleicht in der langen Kette der Beteiligten maximal einen als Gewinner kennen. Was also wäre jetzt zukunftstauglich und wie kommt man dahin?

Zukunftstauglich und clever, also neudeutsch smart, sind Produkte dann, wenn sie alle Beteiligten (Hersteller, Zwischenhändler, Endverkäufer, Käufer und alle deren Mitarbeiter und die Umwelt) zu Gewinnern machen. Das klingt nicht nur kompliziert, das ist es auch. Und daher gehen Sie bitte ganz sicher davon aus, dass nur wenige Produkte hier wirklich gut durchdacht sind. Bei Bürogebäuden muss ich gar nicht mutmaßen oder lange nachdenken, hier weiß ich, dass viel versprochen und extrem wenig gehalten wird. Oberflächlich sieht alles ganz nett aus, aber die Wahrheit erleben Sie erst im Betrieb fünf oder zehn Jahre nach Einzug in das Gebäude, wenn alle Beteiligten schon auf der nächsten Baustelle sind. An Gewährleistung brauchen Sie aber so oder so nicht zu denken, hohe Folgekosten sind juristisch gesehen kein Mangel. Seltsam was unsere Wirtschaft da so treibt, oder?

Mit den Lebenszykluskosten gibt es eine sehr gute Formel, um zunächst das Thema der Kosten smart und nachhaltig zu gestalten. Bei den Lebenszykluskosten werden alle Beteiligten und alle Phasen berücksichtigt. Was geht denn in die Berechnung der Lebenszykluskosten am Beispiel eines Bürogebäudes ein?

  • Die Investitionskosten zahlt der Bauherr. Allerdings werden die meisten Bauherren das Kapital aus Eigenkapital und geliehenem Fremdkapital zusammensetzen, da das Fremdkapital derzeit extrem günstig ist. Die Kapitalkosten müssen daher dynamisch über den Zeitraum über Zinskosten dargestellt werden. Tatsächlich sind die Investitionskosten aufgrund der kleinen Zinsen nicht mehr die wichtigste Zahl.
  • Die Verbrauchskosten für Energie oder Wasser zahlt der Mieter. Hier gehen Steigerungsraten für zukünftige Teuerung der Ressourcen ein. Gerade im Bereich der Energie sind deutliche Steigerungsraten für die Kosten zu erwarten, da die Darstellung der Versorgungssicherheit mit sehr wechselhaften regenerativen Energiequellen (Sonne scheint oder scheint nicht, der Wind weht oder nicht…) sehr teuer werden wird. Daher ist klar, dass die Verbrauchskosten die Investitionskosten in ihrer Bedeutung schon abgelöst haben. Wer heute zuerst nach den Investitionskosten fragt, weiß also anschließend gar nichts über die Wirtschaftlichkeit seines Bürogebäudes.
  • Die Instandsetzungskosten teilen sich der Mieter bei Kleinreparaturen mit dem Bauherrn bei größeren Maßnahmen.
  • Die Wartungskosten zahlt der Mieter über die Nebenkosten. Auch hier gibt es eine Steigerungsrate für Löhne und Betriebskosten.
  • Die Reinigungskosten zahlt der Mieter. Allerdings sind Architekt und Fachplaner die wesentlichen Verursacher hoher Reinigungskosten. Würde einmal eine Putzkraft von Planern befragt werden, dann könnten auch hier Kosten gespart werden.  Gerade Glasarchitektur sollte neben dem Raumklima zum Thema Reinigung gründlich betrachtet werden.
  • Und schließlich gibt es den kalkulatorischen Restwert für jedes Bauteil. Der kalkulatorische Restwert beschreibt, wann ein Bauteil ausgetauscht werden muss.  Wenn eine Wärmepumpe eine Lebensdauer von 15 Jahren hat und man betrachtet einen Zeitraum von 20 Jahren, dann müssen eben 1 1/3 Wärmepumpe kalkulatorisch eingeplant werden. Eine kurze Lebensdauer eines Produktes belastet also den Bauherren stärker. Wie aber oben angedeutet, sollte der Restwert mit Augenmaß auf den Nutzwert (Beispiel Smartphone) festgelegt werden. Wenn also ein Fassadenmaterial 75 Jahre hält, dann muss die Wiederverwendung (und damit die wirtschaftliche Verwertung) von vornherein angedacht sein, denn es ist davon auszugehen, dass heutige Bürogebäude keine 75 Jahr stehen werden. Was nützt dann ein Bauteil, was länger lebt? Es nützt nur dann, wenn ich es verwerten kann.

In Summe ergeben die Lebenszykluskosten ein stimmiges Bild aller im Lebenszyklus auftretenden Kosten. Würden also bei Bauvorhaben KONSEQUENT die Lebenszykluskosten als Entscheidungskriterium herangezogen werden, so verspreche ich Ihnen, dass Mieter und Bauherr im Lebenszyklus des Bürogebäudes aus dem Schwärmen nicht herauskämen. Und genau das nenne ich smart.

Die Lebenszykluskosten sind sogar so schlau, dass sie Bauherren bremsen, die im Übereifer der Begeisterung für Nachhaltigkeit Systeme wählen, die zwar auf den ersten Blick sehr umweltschonend sind, die aber auf den zweiten Blick im Betrieb hohe Folgekosten verursachen. Folgekosten hängen nämlich meist auch mit dem Verbrauch von stofflichen oder energetischen Ressourcen zusammen und schon wird die vermeintlich ökologische Maßnahme schlicht unsinnig. Lebenszykluskosten können daher auch dabei helfen, Investitionskosten zu sparen.

Mit den Lebenszykluskosten ist also immer ein großes Stück Zukunft eingepreist. Und was für Lebenszykluskosten geht, geht natürlich auch für die Umweltwirkungen von Materialien oder Emissionen. Hier muss ich aber gleich auf die Euphoriebremse treten. Wer den ökologischen Fußabdruck eines Bürogebäudes berechnen möchte, wird sich zunächst wundern, wie schlecht die Datenlage ist. Hier ist noch Arbeit zu leisten.

Neben den wirtschaftlichen und stofflichen Ressourcen sollte aber noch mehr Zukunft bei einem Produkt eingepreist werden. Die Vorwegnahme von zukünftigen Nutzungsänderungen oder -erweiterungen müssen im Rahmen der Konzeption zum Beispiel eines Bürogebäudes durchdacht werden. Das Vorhalten von Teilungsmöglichkeiten von Etagen, von Installationsflächen für nachzurüstende Geräte, von Leerrohren für Kabel oder die Möglichkeit der Umprogrammierung von Technik an Stelle der Neuverdrahtung wirken wahre Wunder im Lebenszyklus.

Zukunft inside? Möglich ist es! Aber wie jede Spitzenleistung steht auch hier die Präzision und das Know-how im Detail am Anfang, bevor geerntet werden kann.

Bernhard Frohn

"Mich begeistern nachhaltige Lösungen, die langfristig alle zu Gewinnern machen. Einseitiges Wirtschaften zum kurzfristigen Nutzen weniger wird uns auf die Füße fallen. Das ist kein politisches Statement von mir, sondern ich behaupte, dass nur mit konsequenter Nachhaltigkeit langfristig unsere sozialen und wirtschaftlichen Systeme stabil bleiben werden. Die zunehmende Instabilität unserer sozialen und wirtschaftlichen Systeme sind gerade gut zu beobachten. Kann mir jemand erklären, wie in einem der reichsten Länder der Welt, nämlich in Deutschland, die Kinderarmut steigen kann? Hier ist HANDELN angesagt, wie gesagt, zum Wohle Aller und mit dem Blick in die Zukunft!"

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