Coworking


Lemmingen wird nachgesagt, in großen Massen zu wandern, um sich dann anschließend gemeinsam von einem Felsen in den Tod zu stürzen. Das ist übrigens genauso falsch, wie das Bild von Coworking Spaces, das heute gerne gemalt wird. Coworking Spaces  sind offene Bürostrukturen mit hipper Innenarchitektur, in denen junge Gründer von Start-Ups, um die 25 Jahre alt und mit T-Shirt und cooler Wollmütze bekleidet, Kicker spielen, um dann die Millionen des neuesten Investorendeals zu zählen. Man braucht eigentlich nur eine entsprechende Räumlichkeit einzurichten, nennt sie Coworking und der Rest kommt dann von alleine. Neue Ideen, die die Welt erobern, werden sprudeln. Soweit die Einleitung.

Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass Menschen die größeren Lemminge sind. Ab und zu werden Moden ausgerufen und dann wird kopiert, was der Lemming so gerade hergibt. Genau das passiert gerade mit dem Thema Coworking. Nicht dass das Thema nicht eine immense Bedeutung hat, es wird halt nur vollkommen falsch interpretiert und gelebt. Das ist zumindest meine Meinung und die darf ich ja hier unverblümt äußern 😉

Die Wortzusammensetzung Coworking bedeutet „zusammen arbeiten“ nicht mehr, aber auch nicht weniger. Auch 40-Jährige dürfen zusammenarbeiten, was sogar ohne Wollmütze und mit Oberhemd gekleidet möglich sein soll. Eine Mär ist in meinen Augen, dass nur junge Start-Ups mit 1-2 Mitarbeitern coworken wollen. Warum sollen nicht auch gestandene Firmen mit 30 Mitarbeitern coworken. Sie müssen sogar. Ich habe hier schon öfter ausgeführt, dass die Digitalisierung, der demographische Wandel, viele weitere dynamische Megatrends und vor allem die allgemein zunehmende Komplexität unseres Handelns dringend nach Innovation über Firmengrenzen hinweg bedarf, um interdisziplinär nach Lösungen zu suchen. Open Innovation ist ein Begriff für dieses Tun. Wenn man weiß, dass BMW und andere große Marken mittlerweile in Coworking Spaces sitzen, dann wird schon deutlich, dass Coworking ein wichtiger, sogar sehr wichtiger Trend ist. Ich möchte ihn nur ein wenig weiter interpretieren, wie Sie gleich sehen werden.

Innovation über Firmengrenzen hinweg, also das Coworking über Firmengrenzen hinweg, benötigt Kommunikation und zwar sehr viel Kommunikation. Innerhalb großer Firmen oder auch über Firmengrenzen hinweg zu innovieren, bedeutet Unternehmenskulturen zusammenzubringen, was nicht trivial ist. Hier reicht nicht ein Gespräch, in dem Fakten ausgetauscht werden, sondern hier müssen Menschen und Teams zusammenwachsen, was vieler Gespräche bedarf. Daher sind Treffpunkte ein wichtiger Bestandteil des modernen Bürogebäudes. Zufällige Treffpunkte und absichtliche Treffpunkte müssen geschaffen werden, um der Kommunikation jederzeit Raum zu geben. Gerade die spontane Kommunikation hat sich dabei bei Themen bewährt, bei denen Kreativität gefordert ist. Kreativität lässt sich schlecht zum Meeting von 15:00 Uhr bis 16:30 Uhr befehlen. Kreative Ideen entstehen tatsächlich oft per Zufall.

Coworking ist also für mich zunächst eine ideale Bürostruktur, die innerhalb des Bürogebäudes, aber auch in der Außenanlage Treffpunkte für Kommunikation bietet. Ein Bürogebäude mit fünf etablierten Firmen mit je 50 Mitarbeitern, die in geschlossenen Büros sitzen und dann aber für gemeinsame Cafeteria, Lobby, Konferenzräume, E-Bikes oder ein Feld für Beachvolleyball sorgen, sind für mich Co-Working-Modelle, die eine echte Chance für Open Innovation und den Spirit von Gründern haben. Wer hat zudem gesagt, dass sich junge Start-Ups nur in offenen Strukturen mit Sofas, Liege und ohne Privatsphäre wohlfühlen? Ich fürchte, dass hier die Entwickler von „modernen“ Coworking Spaces mit der Generation Y noch nicht gesprochen haben. Diese schätzt Umfragen zufolge sehr wohl die Intimsphäre und die Ruhe des normalen Doppelbüros. Hier wird aktuell am Markt und an den Bedürfnissen vorbei entwickelt. Ich bin gespannt, was mit diesen hippen Flächen in fünf Jahren geschieht. Ich hoffe, dass allen Beteiligten die Kurzlebigkeit der Start-Up-Szene bekannt ist.

Coworking betrifft daher alle Unternehmen ob jung oder alt. Alle sollten sich zu dem Thema der unternehmensübergreifenden Kommunikation aufstellen. Normale Bürogebäude sind dafür allerdings nicht annähernd geschaffen. Noch immer wird in Treppenhaus – Flur – rechts Büro – links Büro – rechts Büro gedacht. Das geht anders und zwar mit einfachen Mitteln. Schon eine Lobby in Anlehnung an ein Hotel kann Wunder bewirken. Und selbstverständlich sollte diese vom Innenarchitekten gut designed werden, damit sich die Menschen dort wohl fühlen. Der Verzicht auf die Eichenmöbel, den moderne Coworking Spaces leben, sollte also nicht das Thema dieser Blogattacke sein.

Und noch ein letzter konstruktiver Hinweis. Diese 10-Jahres-Mietverträge im klassischen Bürogebäude sind ein Killer für die Durchmischung mit jungen Firmen. Welches Start-Up ist kurz nach Gründung ruhigen Gewissens in der Lage, einen Mietvertrag für zehn Jahre mit einem Gegenwert von einer halben Million Euro zu unterschreiben? Das machen die Coworking Anbieter genau richtig. Die Hürde ist hier sehr klein, so dass sich alle Firmen dort ansiedeln können. Wer also als etablierte Firma erkannt hat, dass über Firmengrenzen hinweg auch mit jungen Ideen innoviert werden sollte, der sollte sein Büro so aussuchen, dass der Start-Up-Nachbar sich die Konditionen (und da ist vor allem die Mietdauer) auch leisten kann.

So und damit Sie zum Schluss die Wahrheit und nichts als die Wahrheit erfahren, will ich mich noch outen. Ich hasse Wollmützen, da die so mächtig kratzen. Ich trage ja den Mittelscheitel etwas breiter. Bis zum nächsten Mal.

Bernhard Frohn

"Mich begeistern nachhaltige Lösungen, die langfristig alle zu Gewinnern machen. Einseitiges Wirtschaften zum kurzfristigen Nutzen weniger wird uns auf die Füße fallen. Das ist kein politisches Statement von mir, sondern ich behaupte, dass nur mit konsequenter Nachhaltigkeit langfristig unsere sozialen und wirtschaftlichen Systeme stabil bleiben werden. Die zunehmende Instabilität unserer sozialen und wirtschaftlichen Systeme sind gerade gut zu beobachten. Kann mir jemand erklären, wie in einem der reichsten Länder der Welt, nämlich in Deutschland, die Kinderarmut steigen kann? Hier ist HANDELN angesagt, wie gesagt, zum Wohle Aller und mit dem Blick in die Zukunft!"

One thought on “Coworking

  1. Hallo lieber Herr Frohn, ich stimme Ihnen zu. Sie treffen mit Ihrem Beitrag ins Schwarze. Ich würde mich freuen, wenn wir uns einmal austauschen könnten. Ich bin da grad an einem Thema mit Überschneidungen zu diesem Beitrag.

    Beste Grüße

    Carsten Stemmer

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