Denkst Du schon oder mailst Du noch?


Manchmal mache ich mir so richtig Sorgen, ob wir im Zusammenhang mit dem Gequatsche zu Arbeiten 4.0 und weiteren Zukunftsmodellen noch die Kurve kriegen. Es ist wieder Urlaubszeit und ein Kollege erzählte mir, dass er nach zwei Wochen Urlaub 1.000 Mails (in Worten tausend) zu bearbeiten hatte. Ich konnte dies kaum glauben und erzählte einem weiteren Kollegen davon. Dieser bestätigte mir, dass dies mit den diversen Mails im CC bei ihm ähnlich sei. Da frage ich mich, wann wir eigentlich noch denken wollen. Vielleicht dienstags?

Seit Menschengedenken verfügen wir über die größte Ansammlung von Wissen, das sich zudem – bitte anschnallen – mittlerweile alle zwei Jahre verdoppelt. Wir haben mit dem Internet ein Medium geschaffen, das dieses Wissen auch noch an allen Orten dieser Welt in Sekunden verfügbar macht. Und was machen wir? Wir mailen uns gegenseitig schachmatt. Wie soll in dieser Flut häufig völlig unsinniger und unstrukturierter Kommunikation etwas Neues entstehen? Wie wollen wir Zusammenhänge verstehen, die mehr als nur eine Variable kennen? Ich denke, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich antworte: so gar nicht.

Das Schlimme ist zudem, dass heutiges Wissen sehr kleinteilig ist. Jeder hat seinen Fachbereich und kann bei entsprechender Begeisterung beliebig tief in sein Thema bis auf atomare Wissensfetzen hin eintauchen. Das geht dann soweit, dass Zusammenhänge nicht mehr erkennbar sind.

Kurz vor Erfindung des Internets vor mehr als 2300 Jahren gab es einen Nerd namens Aristoteles, der in seinem Buch zur Metaphysik sinngemäß sagte: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“ Wohl dem, der heute noch die Zeit hat, sich die Bedeutung dieses gigantischen Satzes zwischen Mails und Twitter-Nachrichten zu vergegenwärtigen.

Was ist also zu tun?

Arbeiten 4.0 und die Arbeitswelten der Zukunft müssen gepaart mit einer neuen Unternehmenskultur den Menschen von E-Mail- und anderen Kommunikationsfluten befreien, um wieder Zeit zu gewinnen. Der Umgang mit diesen Instrumenten muss geübt werden und kann nicht einfach sich selbst überlassen werden. Wenn es keine Regeln für die Kommunikation gibt, dann wird eben gemailt, was die Software hergibt. Wir müssten aber eigentlich Zeit dafür gewinnen, Wissen aufzunehmen und es über Fachgrenzen hinweg mit unseren Kollegen zu einem großen Ganzen zusammenzufügen. Wir müssten begreifen, dass der Nutzen der Digitalisierung nicht darin liegt, faszinierende Technik zu schaffen, sondern einzig darin, dass wir Strukturen schaffen, die Komplexität durch Einfachheit ablösen.

Die Einfachheit sollte allerdings aus intelligenten Lösungen, die das Ganze berücksichtigen, bestehen, und nicht aus einer Vereinfachung resultieren. Aktuell ist ja die Vereinfachung das Mittel der Wahl. Sachverhalte werden beliebig aus dem Zusammenhang gerissen und jeder spielt zu jedem Thema den Bundestrainer und bestimmt die Taktik. Immer wieder irritiert mich, wie viele Laien sich trauen, Bürogebäude für mehrere Millionen € selbst zusammensetzen zu wollen. Da werden diverse Fachleute eingeladen und anschließend werden Entscheidungen über Fassade, Verschattung, Energieerzeugung und Bürogrundriss selbst getroffen. Interdisziplinäre Zusammenhänge werden glatt ignoriert und führen nachher entweder dazu, dass das Bürogebäude nicht funktioniert oder dass es deutlich teurer bei Anschaffung und im Betrieb wird. Sogar die gesammelte Mitarbeiterschaft darf bei Photovoltaikanlage oder Kühlsystem mitreden. Man stelle sich vor, der Fuhrpark würde so beschafft. Ich möchte explizit betonen, dass ich den Einbezug der Mitarbeiter für sehr wichtig halte, aber bitte zu Themen, die sie beurteilen können und die sie unmittelbar betreffen. Die Photovoltaikanlage und das Kühlsegel gehören nicht zu diesen Themen, wohingegen die Forderung nach einer behaglichen und die Produktivität fördernde Kühlung sehr wohl von den Mitarbeitern kommen darf.

Ich bin ein Babyboomer und habe noch Fleiß und Disziplin als Werte gelernt, was früher auch noch eher einen Sinn ergab. 1.000 E-Mails in zwei Wochen hätten damals zu einer Auszeichnung und zu Status gereicht. Heute allerdings weiß ich, dass immer dann, wenn sich Kollegen locker und entspannt beim Kaffee unterhalten und offensichtlich Zeit haben, dass genau dann die Chance im Raum ist, im System zu denken, ganz im Sinne von Aristoteles. Wenn wir also mutmaßen wollen, wie das Arbeiten 4.0 in Zukunft aussehen soll, dann stelle ich mir eine Atmosphäre gemischt aus einer modernen Hotellobby und dem klassischen Bürogebäude vor. In plüschigen Sesseln diskutieren die einen, während im Büro nebenan ruhig gearbeitet werden kann. Nichtelektronische Kommunikation findet dabei auch zufällig statt und gibt dem Einzelnen neue Impulse, Blickwinkel oder Partner. Was denken Sie, warum Coworking-Spaces gerade boomen und bei höchst wissensintensiven Start-Ups so beliebt sind? Weil eben hier auch zufällige Kommunikation über Firmengrenzen hinweg stattfindet und weil so Neues entsteht.

Wenn Sie also auch zu denjenigen gehören, die wissen, dass sie ihr Unternehmen in naher Zukunft neu erfinden sollten, um nicht abgehängt zu werden, dann gönnen Sie sich neue Arbeitswelten und regeln Sie die elektronische Kommunikation. Denn diese wandelt sich gerade von der Lösung zum Problem.

Bernhard Frohn

"Mich begeistern nachhaltige Lösungen, die langfristig alle zu Gewinnern machen. Einseitiges Wirtschaften zum kurzfristigen Nutzen weniger wird uns auf die Füße fallen. Das ist kein politisches Statement von mir, sondern ich behaupte, dass nur mit konsequenter Nachhaltigkeit langfristig unsere sozialen und wirtschaftlichen Systeme stabil bleiben werden. Die zunehmende Instabilität unserer sozialen und wirtschaftlichen Systeme sind gerade gut zu beobachten. Kann mir jemand erklären, wie in einem der reichsten Länder der Welt, nämlich in Deutschland, die Kinderarmut steigen kann? Hier ist HANDELN angesagt, wie gesagt, zum Wohle Aller und mit dem Blick in die Zukunft!"

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