Die Wiederentdeckung der Langsamkeit


Kennen Sie noch Second Life? Es dämmert? Richtig das war doch vor Jahren ein Spiel in der virtuellen Realität. Jeder konnte hier als Avatar sein Ebenbild oder besser gesagt das Ebenbild des eigenen Traums abbilden. Dieses Spiel wurde sogar richtig ernst. Der virtuelle Nachbau der Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden öffnete 24 Stunden pro Tag seine Pforten, das Leibniz-Institut für Wissensmedien aus Tübingen plante die Durchführung realer Experimente und das Erzbischöfliche Seelsorgeamt Freiburg kommunizierte mit Gläubigen. Also nicht nur hippe 25-Jährige waren die Nutzer. Es wurde investiert, es wurden Firmen gegründet und in Nachrichten hieß es, dass die ersten professionellen User einige Hunderttausende Euros verdient hätten. Adidas, BMW, Mercedes, Mazda, IBM – nein es waren keine kleinen Spinner, die vertreten waren. Sogar Wahlkampf für den Französischen Präsidenten wurde hier geführt. Second Life war die Zukunft.

Und heute? Es gibt die Plattform noch, aber haben Sie noch etwas von ihr gehört? Nein, wahrscheinlich nicht mehr. Was ist passiert? Es wurde einmal wieder überschätzt, wie schnell Menschen etwas Neues in ihr Leben einbauen. Wir Menschen haben einen sehr, sehr langen Erfahrungshintergrund, der unser eigenes Lebensalter deutlich übersteigt. So haben wir zum Beispiel vor Gefahren Angst, die schon seit Jahrhunderten keine Gefahr mehr für uns darstellen. Unser vererbtes „Gedächtnis“ hallt aber nach und hält die Gefahr in uns aufrecht. Nachgewiesen ist zudem, dass wir auch heute noch nur mit derjenigen Anzahl an Menschen tiefgehende soziale Kontakte haben können, die vor 5.000 Jahren die Stammesgröße darstellte. Die Anzahl beträgt ungefähr 150 Menschen. Wer also bei Facebook und XING mehr als 150 „Freunde“ besitzt, soll sich nicht wundern, wenn diese „Freunde“ auf Anfragen nicht antworten oder Hasstiraden verbreiten. Soziale Kontakte sind das nicht.

Wir sind zwar in der Lage, das Internet zu erfinden und unsere Geschäftsmodelle in 30 Jahren auf den Kopf zu stellen, aber unsere Urinstinkte (die wir seit Urzeiten besitzen, deswegen heißen die so) bleiben über Generationen hinweg stabil. Und wie die Hirnforschung eindrucksvoll nachweist, handeln wir häufig mit unserem Instinkt. Daher sollte sich die Einsicht durchsetzen, dass der moderne, mit dem Handy, der Smartwatch und dem 3D-Drucker bewaffnete Homo Sapiens Instinkte besitzt, die Jahrtausende alt sind und die Innovationen teilweise torpedieren. 30 Jahre entsprechen daher einer Millisekunde in unserer Lernkurve und vor 30 Jahren waren weder Smartphone noch Internet verbreitet. Ein phantastisches Buch, um die Historie der menschlichen Entwicklung im Zeitraffer zu erleben, ist „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari und Jürgen Neubauer. Dringend Lesen!

Wir können nicht einfach unsere Erfahrungen aus vielen hunderten Generationen abschütteln und einmal eben alles um uns herum neu erfinden. Wer das glaubt, hat sich mit unserer menschlichen Psyche noch nicht wirklich beschäftigt. Und daher wird vieles von Open Space, über Arbeiten 4.0 bis zu non-territorialem Arbeiten schlicht wieder verschwinden. Und zwar schneller als die Erfinder dies glauben mögen. Daher Vorsicht! Wenn Sie ein Bürogebäude entwickeln, das für die Zukunft geschaffen sein soll, dann sollte man keinen Moden folgen. Moden kommen und Moden gehen. Ein Bürogebäude sollte aber im Sinne des Investors 50 Jahre und mehr leben.

Eine differenzierte Diskussion gehört daher dazu. Non-territoriales Arbeiten ist zum Beispiel bei einer 30 Personen Firma eine sehr kommunikative Methode, bei der ich mich von meinem Arbeitsplatz von gestern nicht weit entferne und neue Kollegen sind ratzfatz integriert. Bei Bürogebäuden mit 10.000 m² hingegen, kann die Suche nach dem freien Arbeitsplatz aber schon einmal etwas dauern und ich kenne garantiert niemanden, neben dem ich in den letzten fünf Wochen gesessen habe. Haben Sie schon einmal in einem angesagten Restaurant einen Platz gesucht und nicht gefunden? Sie haben das Gefühl alle Sitzenden beobachten Sie und Sie sind aus der Gruppe der Privilegierten ausgeschlossen. Tolle Botschaft an die Mitarbeiter meines Unternehmens. Non-territoriales Arbeiten ist daher gut und schlecht und die Zahl von 150 Mitarbeitern spielt hier eine wichtige Rolle, denn auch ein Unternehmen ist nur ein Stamm.

Auch die Psyche junger Menschen wird häufig falsch verstanden. Natürlich gehen die jungen Menschen selbstverständlich mit den digitalen Medien um, da sie damit aufgewachsen sind. Aber heißt das, dass sie allem Neuen bedingungslos aufgeschlossen sind? In einer Zeit, in der Kultur und Religion von ihrer Bedeutung her auf ein Minimum reduziert sind, fehlen die Leitplanken. Täglich wird den jungen Leuten zudem mit „Stars“, die perfekt aussehen und die angeblich ein perfektes Leben führen (das sind die modernen Avatare) vorgeführt, wie unzulänglich sie selbst sind. Das alles in Kombination führt zur Verunsicherung. Wenn jetzt die Chefs innovativer Unternehmen darauf schließen, dass die jungen Leute, die ja mit digitalen Medien selbstverständlich umgehen, auch am liebsten in hippen Arbeitswelten ohne jegliche räumliche Beschränkung sitzen, dann kann er sich täuschen. Gerade junge Leute, die in das Berufsleben einsteigen, benötigen noch Leitplanken. Umfragen bei unseren Kunden und in meinem eigenen Unternehmen haben ergeben, dass das geschlossene Büro (gerne transparent mit Glas) bevorzugt wird. Auch die Vielfalt einer Bürolandschaft wird gerne angenommen.

Ein Bürogebäude mit Zukunft sollte daher Vielfalt und nicht Monokultur bieten und sollte sich im Betrieb auch nach 15 Jahren noch einmal neu erfinden können. Ich habe nämlich nicht gesagt, dass Second Life für alle Zeiten tot ist. Es ging nur zu schnell und irgendwie neigen wir immer dazu, alles zu hypen und zu übertreiben. Viel zu konsequent und leider ohne allzu viel Know-how der menschlichen Psyche überrollen wir unsere Mitarbeiter. Dabei ist an Open Space, non-territorialem Arbeiten oder Arbeiten 4.0 viel Gutes zu entdecken, was unsere Zukunft prägen wird. Aber in kleinen Schritten bitte und immer verbunden mit der Flexibilität einzugestehen, dass manches vielleicht zu früh ist.

Auch Innovation benötigt Timing!

Bernhard Frohn

"Mich begeistern nachhaltige Lösungen, die langfristig alle zu Gewinnern machen. Einseitiges Wirtschaften zum kurzfristigen Nutzen weniger wird uns auf die Füße fallen. Das ist kein politisches Statement von mir, sondern ich behaupte, dass nur mit konsequenter Nachhaltigkeit langfristig unsere sozialen und wirtschaftlichen Systeme stabil bleiben werden. Die zunehmende Instabilität unserer sozialen und wirtschaftlichen Systeme sind gerade gut zu beobachten. Kann mir jemand erklären, wie in einem der reichsten Länder der Welt, nämlich in Deutschland, die Kinderarmut steigen kann? Hier ist HANDELN angesagt, wie gesagt, zum Wohle Aller und mit dem Blick in die Zukunft!"

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