Perfektion


Heute morgen stand ich mit meinem Auto vor der Ampel und habe die Sonnenblende bewundert. Zugegeben, das ist ein lächerliches Detail und technisch wenig anspruchsvoll und dennoch haben sich hier Menschen Gedanken gemacht. Zwischen der Karosserie und der Sonnenblende auf der linken Seite gibt es eine winzige Lücke, durch die ich hindurchsehen kann. Ein Fehler? Schließlich kann mich die Sonne durch diese Lücke auch erreichen. Aber nein, genau durch diese Lücke konnte ich die Ampel sehen und musste nicht mein Kinn auf das Lenkrad legen, um unterhalb der Sonnenblende zu beobachten , wann die Ampel auf grün springt. Ich musste mich auch kaum bewegen, der Winkel zwischen mir und der Ampel passte genau. Ein Zufall? Natürlich nicht. Hier haben sich wirklich Entwickler Gedanken gemacht und  haben dieses winzige Detail im Sinne des Nutzers gelöst. Genau das nenne ich Perfektion.

In allen Produktbeschreibungen wird dieses Detail aber nicht vorkommen. Es ist zu klein und zu lächerlich. Aber stellen Sie sich einmal vor, dieses Detail wäre so nicht gelöst worden. Dann würden bei Sonne alle Autofahrer (bitte bildlich vorstellen) vor der Ampel stehen und mühsam unterhalb der Sonnenblende mit verrenktem Nacken hindurchsehen bis die Ampel auf grün springt. Ich wette, das dann die Nutzer zurecht genau diesen Vorschlag machen werden. Vielleicht ist dieses Idee auch so entstanden, wer weiß.

Warum schreibe ich das? Ich werde ständig gefragt, was denn an unserem Bürogebäudesystem besonders wäre. Andere hätten doch auch gute Architektur, eine multifunktionale Fassade, einen Parkettboden, Geothermie, Tageslichtlenkung und LED-Leuchten. Und es stimmt tatsächlich: Heute sind alle Produktbeschreibungen nahezu identisch. Die Vokabeln werden gegenseitig abgeschrieben und ein Ei gleicht dem anderen. Der Unterschied aber liegt im Detail. Dieses Details können dem Nutzer kaum erklärt werden (siehe Sonnenblende). Sind die Details aber nicht gelöst, bemerkt der Nutzer dies im Betrieb auf jeden Fall. Das Bürogebäude ist dann allerdings schon gebaut, so dass dem Bauherren nur die Sanierung als Lösung bleibt.

Das dumme bei Bürogebäuden ist, dass es keine Betriebserfahrungen gibt, die wirklich an die Entwerfer von Bürogebäuden vererbt werden. Bürogebäude werden immer neu erfunden. Selten bekommen die Entwerfer das Feedback von den Nutzern wirklich mit. Architekten und Fachplaner sind mit dem Bau des Gebäudes beauftragt nicht mit dem Betrieb. Welch ein Fehler! Nur wenn Mängel sichtbar werden, werden die Planer und Ausführenden wieder zur Baustelle zitiert. Jetzt gibt es aber Stress und es wird mit dem Rechtsanwalt gedroht. Meist verlieren die Planer in der Phase das vorher hart erarbeitete Geld. Dass bei diesen Randbedingungen kein Planer Lust hat, sich mit dem Betrieb zu beschäftigen, ist selbstredend.

Und so ensteht eben keine Perfektion. Mal sind Funktionsdetails gut gelöst, mal nicht. Auf keinen Fall ist eine Weiterentwicklung erkennbar. KVP oder kontinuierlicher Verbesserungsprozess nennt das die Industrie. Von Produkt zu Produkt lernt das industrielle System kontinuierlich und strebt weiter nach Perfektion. Beim Bauen gibt es aber den genanten Bruch, so dass sich das System nicht weiterentwickeln kann, egal ob die Planer und Bauschaffenden dies wollen oder auch nicht.

Damit es bei dem Thema Details nicht zu nebulös bleibt, will ich Ihnen einige selbst beobachtete Details bei Bürogebäuden einmal aufzählen.

  • Als gestalterischer Effekt wurden bei einem Bürogebäude kantige und teilweise scharfkantige und unregelmäßige Glasbausteine eingesetzt, die von unten beleuchtet sind. Das ist ein  perfekter Staubfänger, wobei der Staub noch ins rechte Licht gesetzt wird. Putzfrauen, die man auch vorher hätte fragen können, werden jetzt 20 Jahre lang hier ihre besondere Mühe haben und der Mieter wird diese erhöhten Reinigungskosten bezahlen oder alternativ stolz den Staub seinen Kunden zeigen.
  • Der kleine horizontale Glasvorsprung in der Fassade im Besprechungsraum eines anderen Bürogebäudes sorgt für viel Tageslicht, was wohl die gestalterische Idee war. Allerdings blendet die Sonne so den Nutzer und sorgt für Überhitzung trotz Klimaanlage. Eine Verschattung ist nicht vorgesehen und wäre bei einem horizontalen Glas auch nicht trivial. Liebe Nutzer, lebt damit die nächsten 20 Jahre.
  • Bei wieder einem anderen Bürogebäude ist der Blendschutz innen leider ein wenig schmäler als das Fenster breit ist. Nein, hier geht es nicht darum, die rote Ampel zu sehen ;-))
  • Die Eingangstür lässt sich nur beidhändig aufschließen und öffnen. Alle Mitarbeiter erhalten Firmenrucksäcke, wäre mein Lösungsvorschlag.
  • Heizung und Kühlung lassen sich auch parallel betreiben und niemand merkt das. Ja das (und noch viel mehr Anekdötchen im Bereich Regelungstechnik) kann man auch im Jahr 2016 noch beobachten.
  • Bei der schicken Beleuchtung im Eingangsbereich können die Lampen nur mit sehr hoher Leiter getauscht werden.
  • Kabel im Kabelkanal nachzuziehen, ist nach einigen Jahren nicht mehr möglich, machen wir halt einen Brüstungskanal.
  • Zur Reinigung der Fenster bei normal hohen Gebäuden ist ein Hubsteiger notwendig.
  • Oder, ganz spaßig, die eingebaute und bezahlte Geothermie wird bei einem Hybridsystem über Jahre hinweg gar nicht genutzt, da das System weder beobachtet noch optimiert wird. Diesen Mangel haben wir übrigens bei einigen Bürogebäuden entdeckt. Der Energiebedarf beträgt bei solchen Gebäuden 200 – 300 % des vorher gewünschten Wertes.

Usw. usw. Die Liste ist lang und wird leider sogar noch länger. Wie geschrieben, Perfektion entsteht immer aus einem Lernprozess. Aus mehrjährigen Betriebserfahrungen werden die Probleme abgeleitet und werden an die Entwerfer übergeben. Das Facility Management spricht hier mit den Entwerfern. In der Baubranche sind dies aber mehrere Firmen, die sich zu Beginn eines Bauvorhabens aber sowieso nicht kennen. Der Facility Manager wird später erst ausgeschrieben und engagiert.

Nur wenn dieser Regelkreis aus Lernerfahrung und Korrektur besteht, gibt es eine evolutionäre Optimierung des Systems. Und zwar NUR dann. Und diese Perfektion ist eben nicht in der Werbebroschüre ablesbar, auch nicht bei industriellen Produkten. Der Nachteil bei Bürogebäuden ist nur, dass man das Gebäude nach drei Jahren nicht austauschen kann, es belastet leider mindestens 20 -40 Jahre den Geldbeutel, die Gesundheit oder die Umwelt. Es lohnt sich daher, etwas mehr über dieses Produkt Bürogebäude nachzudenken.

Bernhard Frohn

"Mich begeistern nachhaltige Lösungen, die langfristig alle zu Gewinnern machen. Einseitiges Wirtschaften zum kurzfristigen Nutzen weniger wird uns auf die Füße fallen. Das ist kein politisches Statement von mir, sondern ich behaupte, dass nur mit konsequenter Nachhaltigkeit langfristig unsere sozialen und wirtschaftlichen Systeme stabil bleiben werden. Die zunehmende Instabilität unserer sozialen und wirtschaftlichen Systeme sind gerade gut zu beobachten. Kann mir jemand erklären, wie in einem der reichsten Länder der Welt, nämlich in Deutschland, die Kinderarmut steigen kann? Hier ist HANDELN angesagt, wie gesagt, zum Wohle Aller und mit dem Blick in die Zukunft!"

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