Volkskrankheit Berufspendler


Von Beruf Pendler, nein das soll das Wort Berufspendler wohl nicht ausdrücken. Beim Arbeitsamt habe ich auch keinen Job dieser Art gefunden. Berufspendeln ist also offensichtlich kein Job, aber leider eine echt große Einschränkung für die viel besungene Work-Life-Balance. Fast 9 Mio. Deutsche pendeln täglich mehr als eine Stunde zu ihrem Arbeitsort. Das entspricht am Ende des Berufslebens dann immerhin dem Zeitraum von vier Berufsjahren. Vier Jahre hat der Berufspendler also im Auto, im Zug oder im Bus verbracht, unbezahlt versteht sich.

Pendeln macht auch krank. Zum einen deshalb, weil man sich nicht bewegt. Das Lenkrad festhalten oder im Zug oder Bus sitzen sind keine Tätigkeiten, die unserem Herz-Kreislaufsystem gut tun würden. Wenn wir dann nach Hause kommen, sind wir müde und dann wird es noch schwieriger, sich aufzurappeln und sich zu bewegen. Tatsächlich zeigt die kleine Gemeinde der fahrradfahrenden Pendler, dass aus Bewegung Zufriedenheit resultiert.

Pendeln macht auch deshalb krank, da immer der Stress des pünktlichen Ankommens existiert. Die Bahn hat häufiger Stellwerksstörungen oder auch einfach Störungen im Betriebsablauf (Das ist übrigens die beste Ausrede, die ich je von einem Unternehmen gehört habe!). Beobachten Sie einmal, was in der Bahn passiert, wenn die Bahn Verspätung hat. Die Hälfte aller Mitfahrenden greift zum Handy und ruft jemanden an, um zu sagen, dass es leider später wird. Spaß macht das nicht.

Auch mit dem PKW zu pendeln, ist kein Garant für das pünktliche Erscheinen. Neben dem Stress, sich auf das Fahren konzentrieren zu müssen und sich über alle diejenigen ärgern zu müssen, die schlechter als man selbst fahren (also alle ;-)) gibt es noch das Phänomen Stau. Gerade in Großstädten, die noch weiter wachsen, geht häufig morgens gar nichts mehr. Allein in der Stadt kann so die Stunde Pendeln locker erreicht werden. Schauen Sie während des nächsten Staus einmal in die Gesichter der Staukollegen rechts und links. Glücklich sind die nicht.

Würde man die Zeit des Pendelns produktiv gestalten können, so dass das Unternehmen damit Geld verdient, dann könnten bei einem kleinen mittleren Stundensatz von 50 €/h pro Jahr in Deutschland 99 Mrd. € mehr erwirtschaftet werden. Mit 99 Mrd. € könnten im ersten Jahr 49,5 Mio. m² Bürofläche gebaut werden, was für alle Pendler vollkommen ausreichend wäre, so dass diese 2-3 Tage pro Woche in der Nähe ihres Wohnortes arbeiten könnten. Man würde also einmalig 99 Mrd. € investieren, um dann ab dem zweiten Jahr die 99 Mrd. € mehr Geld zu verdienen. Volkswirtschaftlich ist dieser Gedanke hoch spannend, die Realisierung ist aber natürlich für das einzelne Unternehmen nicht so trivial. Die Mitarbeiter eines Unternehmens wohnen nicht alle an demselben Ort, so dass neue Geschäftsmodelle für Bürogebäude gefunden werden müssen. Es wird sie geben, das sage ich schon einmal voraus. Denn Pendeln kann nicht die Alternative sein.

Das temporäre Homeoffice ist übrigens keine echte Alternative. Ergonomisch dramatisch schlecht gestaltete Arbeitsplätze, ohne gute Temperierung für Winter und vor allem Sommer, keine Trennung von Privat und Beruf und zahlreiche Störungen (im Betriebsablauf) in Form von Spülmaschinen, Gartenarbeit und Kindern sind nicht gerade förderlich. Mit Kindern soll man sich entspannt beschäftigen und sie nicht als Störung empfinden, weil dringend noch ein Bericht bis morgen früh fertig sein muss. Work-Life-Balance heißt auch räumliche Trennung.

Zum Schluss noch eine nicht ganz ernst gemeinte Pendlervision: Das selbstfahrende Auto fährt zukünftig selbständig in den Stau und bleibt dort selbständig stehen. So kann sich der Fahrer vollkommen auf das Fluchen konzentrieren. Da Fluchen Stress abbaut, ist das selbstfahrende Auto eine echte Alternative zur Gesunderhaltung. Da sicherlich noch ein selbstfahrendes Auto mit einem integrierten Trimm-Dich-Rad erfunden wird, können wir unsere Muskeln im Stau trainieren und laden natürlich gleichzeitig den Akku unseres Elektromobils auf.

Ich sehe sie schon vor mir im Stau stehend: Hunderte selbststehende Autos mit sich selbstbewegenden Berufspendlern, die glücklich nach Hause pendeln. Schöne neue Welt.

Bernhard Frohn

"Mich begeistern nachhaltige Lösungen, die langfristig alle zu Gewinnern machen. Einseitiges Wirtschaften zum kurzfristigen Nutzen weniger wird uns auf die Füße fallen. Das ist kein politisches Statement von mir, sondern ich behaupte, dass nur mit konsequenter Nachhaltigkeit langfristig unsere sozialen und wirtschaftlichen Systeme stabil bleiben werden. Die zunehmende Instabilität unserer sozialen und wirtschaftlichen Systeme sind gerade gut zu beobachten. Kann mir jemand erklären, wie in einem der reichsten Länder der Welt, nämlich in Deutschland, die Kinderarmut steigen kann? Hier ist HANDELN angesagt, wie gesagt, zum Wohle Aller und mit dem Blick in die Zukunft!"

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