Klimatisierung, nein Danke?


Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mit dem Wort Klimatisierung schwingt heute schon ein wenig Unbehagen im Raum. Klimatisierung hört sich nach kleinen bösen Sporen im Lüftungskanal an und der kalte Luftzug im Nacken ist auch schon deutlich spürbar. Was ist dran an dem Unbehagen bei Klimatisierung?

Wir Energiedesigner kommen oft in Bestandsbauten und schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Dabei muss man aber unterscheiden: Bürogebäude im Besitz professioneller Gebäudebetreiber werden häufig vorbildhaft betrieben, wohingegen Bürogebäude im Besitz einzelner Firmen oder Personen manchmal den Tatbestand der Körperverletzung erfüllen. Allen Gebäuden gleich ist, dass die Gebäudekonzepte und auch die Betriebsweisen der Anlagen meist nicht sorgfältig entwickelt wurden. Werden zu große Luftmengen mit den falschen Temperaturen ins Gebäude gebracht, dann ist die Luft im Winter logischerweise zu trocken oder im Sommer kommt es eben zu Zugerscheinungen. Das wäre vermeidbar, wenn ein Gesamtkonzept am besten mit einer Gebäudesimulation entwickelt worden wäre. Durch die Gebäudesimulation werden die dynamischen Effekte in einem Gebäude abgebildet und es werden die Zusammenhänge aus Lufttemperatur, Strahlungstemperatur, Luftfeuchte und Luftgeschwindigkeit abgebildet. Wer hier meint, er könnte im Trail-and-Error-Verfahren das Optimum für sein Gebäude finden, der hat Mut und offensichtlich eine Engelsgeduld. Ich hoffe, dass seine Nutzer diese Geduld auch aufbringen.

Klimaanlagen sind also nicht deshalb schlecht, weil sie Klimaanlagen sind, sondern weil sie mit den falschen Parametern in einer nicht passenden Bauphysik betrieben werden. Die falschen Parameter resultieren dann häufig daraus, dass das Konzept bestehend aus Bauphysik und Technik nicht durchdacht ist. Oder ich sollte besser schreiben: nicht per Simulation vorhergesagt wurde. Das Thema mit seinen tageszeitlichen, jahreszeitlichen und nutzungsbezogenen Auswirkungen ist nämlich so komplex, dass das „Durchdenken“ zur Lösungsfindung nicht ausreicht.

Wichtig für eine gelungene Klimatisierung ist auch, dass sie gar nicht wahrgenommen wird. Messtechnische Reihenuntersuchungen zeigen nämlich sehr deutlich, dass die gemessenen raumklimatischen Bedingungen, die häufig optimal sind, nicht mit den Aussagen der Nutzer korrelieren. Sobald der Nutzer weiß oder wahrnimmt, dass eine Klimaanlage vorhanden ist, wird er kritisch. Wir können uns darüber jetzt lustig machen oder das irrationale Verhalten rügen, aber schließlich sind wir Gebäudeentwickler auch Menschen und sind in unserer Wahrnehmung und Bewertung im anderen Zusammenhang genauso unlogisch. Ein Lösungsansatz ist es, die Klimatisierung „unsichtbar“ zu machen. Bei unserem BOB zum Beispiel arbeiten wir mit einer Betonkernaktivierung, die der Nutzer nicht sehen kann. Die Rohrschlangen sind in der Betondecke versteckt. Heizung und Kühlung erfolgen per Strahlungstemperatur über die Oberfläche, ohne dass der Nutzer diese spüren könnten. Was heißt eigentlich spüren? Spüren heißt, dass wir einen Unterschied zwischen zwei Zuständen wahrnehmen. Wenn wir eine Hauttemperatur an unserer Hand von ca. 24 °C haben, dann werden 15 °C als kalt und 35 °C als warm empfunden, da eben einmal die Wärme aus unserer Hand wegfließt und einmal zurück. 22 °C, die Oberflächentemperatur unserer Betonkernaktivierung, können Sie dann gar nicht spüren. Heizung und Kühlung sind also „unsichtbar“. Natürlich wirken diese Temperatur im Sinne der Heizung und Kühlung, da der Körper eben im Sommer seine Wärme abgeben kann und im Winter dies nicht zu stark tut.

Auch die Lüftungstechnik muss „unsichtbar“ sein. Die Luftauslässe müssen gut in das Bürogebäude integriert werden und die Luftmengen müssen so klein sein, dass sie nicht wahrnehmbar sind. Menschen sind übrigens in der Lage, Luftströmungen von unter 0,1 m/s wahrzunehmen, daher sprechen wir hier wirklich von klein. Diese kleinen Luftmengen ergeben nur dann einen Sinn, wenn damit nicht geheizt und gekühlt wird. Dies sollten andere Systeme übernehmen.

Ergänzend zu den aktiven Systemen der Klimatisierung sollten Verfahren der natürlichen Klimatisierung zum Einsatz kommen. Wenn ich hier ein wenig Werbung machen darf, dann weise ich auf mein Buch mit dem Titel „Natürliche Klimatisierung“ zu dem Thema hin, das über die üblichen Verdächtigen zum Beispiel im Internet bezogen werden kann.

Also zusammenfassend gesagt, Klimatisierung ist gut, sie muss nur richtig konzipiert werden. Durch die zahlreichen schlecht gebauten Beispiele haben sich hier berechtigte Zweifel ergeben, die aber nicht dadurch behoben werden, wenn wir die Klimatisierung einfach weglassen. Unsere eigenen Messuntersuchungen bei Bürogebäuden zeigen zum Beispiel deutlich, dass eine Fensterlüftung im Bürogebäude bei einer großen Anzahl von Nutzern je Flächeneinheit (im Unterschied zum Wohnungsbau) einfach nicht funktioniert. Eine Lüftungstechnik ist daher Pflicht, denn schlechte Luft macht die Nutzer müde und unkonzentriert. Und auch das Thema Kühlung ist bei Bürogebäuden mit vielen internen Wärmequellen nicht vermeidbar, vor allem wenn das Bürogebäude im Angesicht der Temperaturerhöhung des Klimas auch 2050 noch funktionieren soll. Die Anforderungen sind also klar, es bedarf nur wie immer der intelligenten und ganzheitlich durchdachten Lösung.

Bernhard Frohn

"Mich begeistern nachhaltige Lösungen, die langfristig alle zu Gewinnern machen. Einseitiges Wirtschaften zum kurzfristigen Nutzen weniger wird uns auf die Füße fallen. Das ist kein politisches Statement von mir, sondern ich behaupte, dass nur mit konsequenter Nachhaltigkeit langfristig unsere sozialen und wirtschaftlichen Systeme stabil bleiben werden. Die zunehmende Instabilität unserer sozialen und wirtschaftlichen Systeme sind gerade gut zu beobachten. Kann mir jemand erklären, wie in einem der reichsten Länder der Welt, nämlich in Deutschland, die Kinderarmut steigen kann? Hier ist HANDELN angesagt, wie gesagt, zum Wohle Aller und mit dem Blick in die Zukunft!"

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