Wechselwirkungen oder „Wärmedämmung als mediale Sau“


Wärmedämmung ist böse, sagen die einen, Wärmedämmung ist gut, sagen die anderen. Diejenigen, die Wärmedämmung böse finden, vermuten die Dämmlobby hinter den „Wärmedämmung ist gut“ Kampagnen und diejenigen, die der Wärmedämmung den Friedensnobelpreis verleihen wollen, retten eh die Welt. Da war sie wieder die Sau, die durch unser mediales Dorf getrieben wurde. Aber keine Sorge auch diese Sau mutiert zu einer Eintagsfliege.

Ja, geht´s noch? Wie tief wollen wir in unseren Diskussionen noch sinken? Energieeffizienz ist kein Spaßthema für Gutmenschen und sollte auch kein durch Lobbyisten getriebener Verkaufsschlager ohne Sicht der Zusammenhänge werden. Das Thema ist nämlich, wie so viele andere Themen auch, ein wenig komplexer und wird in Zukunft enorm wichtig sein. Und irgendwie scheint es mir, dass unsere schnelllebige Gesellschaft damit so gar nicht mehr klar kommen möchte. Einfache Aussagen, am besten laut und marktschreierisch präsentiert, kommen an. Komplexe Wahrheiten hingegen werden ungerne wahrgenommen. Hier übernehmen Hoffnung und Glaube die Funktion von solider Arbeit. Dabei haben wir doch alle Möglichkeiten, um komplexe Zusammenhänge auf Wahrheiten hin zu überprüfen.

Mit Hilfe der Simulationstechnik (Vorsicht, wir verkaufen diese Dienstleistung, also auch hier ist ein Lobbyist am Werk) können Gebäude analysiert werden. Dies geschieht im Rechner also bevor ein Gebäude falsch gebaut oder saniert wird. Wenn Sie jetzt im Rechner immer mehr Wärmedämmung zum Beispiel auf einer Bürogebäudefassade anbringen, dann werden sie sehen, dass der Heizenergiebedarf immer weiter sinkt. Na also hat die Lobby also doch recht 😉 Was Sie allerdings auch sehen werden ist, dass der Energiebedarf für Kühlung steigen wird. Und wenn Sie ganz genau hinschauen, dann finden Sie einen nicht linearen Zusammenhang zwischen der Dicke und der Wirtschaftlichkeit der Wärmedämmung. Und dieser ist zwischen Heizenergiebedarf und Kühlenergiebedarf auch noch umgekehrt proportional. Und selbstverständlich ist diese Aussage maßgeblich durch die Auswahl des Energieträgers beeinflusst. Ist das kleine Thema schon so kompliziert? Ja das ist es. Und es geht noch weiter.

Wärmedämmung erhöht die Strahlungstemperatur der Innenwände, was die Behaglichkeit des Menschen deutlich verbessert. Der Mensch empfindet Temperatur als sogenannte Empfindungstemperatur zusammengesetzt aus Luft- und Strahlungstemperatur und, um es nicht zu einfach zu machen, auch noch aus der Luftfeuchte. Ja sogar die Luftfeuchte geht in die thermische Behaglichkeit ein. Hätte der liebe Gott hier nicht ein wenig gnädiger mit uns sein können? Na gut zurück zum Thema. Also da die Strahlungstemperatur durch die Wärmedämmung steigt, kann die Lufttemperatur gesenkt werden, was den Heizenergiebedarf sinken lässt. Wärmedämmung spart also nicht nur Heizenergie dadurch ein, dass weniger über die Wände verloren geht, sondern auch dadurch dass die Raumlufttemperatur gesenkt werden kann. So und jetzt aufgepasst und angeschnallt, es geht noch weiter im Wechselwirkungskarussell. Die sinkende Raumlufttemperatur erhöht im Winter die relative Luftfeuchte, was wiederum die thermische Behaglichkeit positiv beeinflusst. Und wenn Sie jetzt überhaupt bis hierher gelesen hätten, dann könnte ich jetzt noch ausführen, dass sich dies alles im Sommer leider anders verhält als im Winter. Was ist jetzt die optimale Wärmedämmung? Ist Wärmedämmung gut oder böse?

Können Sie jetzt verstehen, warum mein iPad nach der morgendlichen Zeitungslektüre in den letzten Wochen Bißspuren aufweist. Wir sind eine hoch spezialisierte und technisierte Welt und können Antworten auf komplexe Fragestellungen zum Beispiel mit Simulationsmodellen geben. Diese Modelle können Wechselwirkungen abbilden, die mit einfachen linearen Annahmen nicht darzustellen sind. Und dummerweise besteht unsere Realität aus sehr sehr vielen solcher nichtlinearer Zusammenhänge. Und siehe da, wenn man es schafft, die Wechselwirkungen abzubilden und zu verstehen und man misst einmal nach, dann funktionieren diese Gebäude sogar extrem sicher und effizient. Und das ist so gar nicht mehr normal. Wenn Sie Beispiele für nicht funktionierende oder nicht effiziente Bauvorhaben haben wollen, dann werden Sie schnell welche finden.

So jetzt aber zum Finale. Die richtige (Ökologie, Ökonomie, Behaglichkeit) Dicke der Wärmedämmung ist nicht immer dieselbe. Zahlreiche physikalische, physiologische und technische Einflussfaktoren müssen betrachtet werden. Es gibt also keine einheitliche Aussage, sondern es muss mit den Randbedingungen des Projektes ermittelt werden, wie das optimale Konzept aussieht. Allerdings können für Gebäudetypen wie Wohnungsbau, Bürogebäude, Schulen, Industriebauten oder Krankenhäuser schon Gemeinsamkeiten abgeleitet werden. Mehr aber auch nicht. Und da wir hier von Gebäuden sprechen, deren Wert immer ein vielfaches eines Porsches darstellt und da wir über Energieeffizienz sprechen, die in Zukunft unser Leben ein wenig beeinflussen wird, sollten wir uns der Komplexität stellen. Sie ist beherrschbar.

 

Bernhard Frohn

"Mich begeistern nachhaltige Lösungen, die langfristig alle zu Gewinnern machen. Einseitiges Wirtschaften zum kurzfristigen Nutzen weniger wird uns auf die Füße fallen. Das ist kein politisches Statement von mir, sondern ich behaupte, dass nur mit konsequenter Nachhaltigkeit langfristig unsere sozialen und wirtschaftlichen Systeme stabil bleiben werden. Die zunehmende Instabilität unserer sozialen und wirtschaftlichen Systeme sind gerade gut zu beobachten. Kann mir jemand erklären, wie in einem der reichsten Länder der Welt, nämlich in Deutschland, die Kinderarmut steigen kann? Hier ist HANDELN angesagt, wie gesagt, zum Wohle Aller und mit dem Blick in die Zukunft!"

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