Design oder Funktion, was ist eigentlich Schönheit?


Hätten Sie gedacht, dass die Zahl 1,618 in Ihrem Leben eine zentrale Rolle spielt? Ich gebe Ihnen einen kleinen Tipp. Es handelt sich um die Zahl, gegen die das Verhältnis der zwei Glieder der Fibonacci-Folge für immer größere Indizes strebt. Ach so! Na gut, noch ein Tipp. Es handelt sich um das Verhältnis, das allgemein als goldener Schnitt bezeichnet wird. Jetzt wird es endlich klarer, was wir mit der Zahl zu tun haben. Das Verhältnis empfinden wir als schön. Wie kommt das? Schon im 1. Jahrhundert vor Christus nutzte der Architekt Vitruv die Proportionen des menschlichen Körpers als Vorlage für Architektur. Die berühmte Skizze von Leonardo da Vinci über den vitruvianischen Menschen, in der ein nackter Mann die Arme ausbreitet, stellt dann den Zusammenhang zum goldenen Schnitt her. Die Seitenlänge des den Mann umgebenden Quadrats steht zu dem Radius, des ihn umgebenden Kreise im Verhältnis des goldenen Schnitts. Hieraus mag man also ableiten, dass wir die Proportionen des goldenen Schnittes wohl schön empfinden, da er sich aus unserem Körperbau ableitet. Soll heißen, wir sehen die Dinge mit unserem Auge und interpretieren dann Schönheit in diese Dinge hinein. So einfach ist es aber nicht!

Tatsächlich taucht der goldene Schnitt an überraschend vielen Stellen wieder auf, als handele es sich um eine Naturkonstante. Bei den Proportionen der Nautilusmuschel, bei der Anordnung von Pflanzenblättern, wie z.B. bei der Sonnenblume oder der Rose, oder auch bei Kristallen in der Festkörperphysik spielt der goldene Schnitt eine Rolle. Das Efeublatt ist nach dem goldenen Schnitt proportioniert und die Seitenverhältnisse im Pentagramm folgen diesem Verhältnis. Und um es noch unheimlicher zu machen, sogar bei Verhalten von Schwarzen Löchern in der Astronomie findet man den goldenen Schnitt. Schwarze Löcher neigen ab einem gewissen Verhältnis von Masse und Rotationsgeschwindigkeit dazu, von negativer in positive Wärmekapazität umzuschlagen. Der Umschlagpunkt wird durch den goldenen Schnitt bestimmt.

Unglaublich aber wahr. Diese Zahl ist Teil unseres Lebens.

So wie Vitruv es also schon vor über 2000 Jahren gesehen hat, kann Schönheit in der Architektur durch wohlproportionierte Gebäude hergestellt werden. Moderne Architekten zum Beispiel für Bürogebäude wissen dies und beachten dies. Wie schön (und wie sinnvoll im Sinne der Nachhaltigkeit) wäre es, wenn Bürogebäude zeitlos gestaltet sind, dem Auge wohltun und damit auch noch sehr lange erhalten blieben. Dass dies gelingt, zeigen viele gute Architekturbüros. Ein Lob dieser Zunft, die häufig Erstaunliches leistet. Denn Schönheit und gute Architektur sind nicht nur aus einer einzigen Zahl ableitbar. Wäre dies so, dann hätten wir schon Architektur entwerfende Computer.

Unser Empfinden für Schönheit und gutes Design hat nämlich noch weitere Aspekte, die zum Glück so gar nicht mehr mathematisch zu erklären sind. Es wurden zum Beispiel Gesichter von sehr schönen Menschen per Computertechnik gespiegelt, so dass sie exakt symmetrisch waren. Und plötzlich sahen diese Gesichter gar nicht mehr schön aus, wie Studien bewiesen haben. Wie kann das sein? Die Gesichtshälften jedes Menschen sind immer ein wenig verschieden und genau das finden wir offensichtlich schön. Die Damen im Mittelalter wussten dies bereits. Der Schönheitsfleck wurde absichtlich angebracht und war zu dem schönen Gesicht der Dame ein asymmetrischer Kontrast. Und das finden wir dann eben wieder schön. Daher weiß man, dass nicht nur der goldene Schnitt schön ist, sondern auch die Abweichung davon. Ja, was denn nun?

Das zeigt sehr schön, dass Schönheit zum Glück nicht abschließend mathematisch oder logisch bestimmt werden kann. Gott sei Dank, wir können noch nicht alles erklären und dürfen uns nach wie vor von neuer Architektur überraschen lassen. Also solche, die einmal dem goldenen Schnitt folgt und dann wieder als Schönheitsfleck die Proportionen verletzt.

So und zum Abschluss will ich noch den Link zur Funktion eines Gebäudes, wie zu dem Bürogebäude der Zukunft, legen. Dazu eine Frage: Ist ein Bürogebäude schön, das seiner Funktion nicht gerecht wird, das aufgrund von Vollverglasung (3-fach Verglasung entspricht physikalisch einer ungedämmten Altbauwand) einen hohen Energiebedarf hat oder das Eigenschaften besitzt, die die Lebenszykluskosten gnadenlos nach oben schnellen lässt? Ich möchte dies differenziert beantworten. Einige wenige herausragende Gebäude dürfen unvernünftig und nur schön sein. Paris ist der Eiffelturm und der Eiffelturm ist Paris. Der Eiffelturm ist nicht sinnvoll, er zieht aber die Blicke auf sich. Der Petersdom, der Louvre und vielleicht auch manches moderne Gebäude, sie alle müssen nicht nur der Funktion folgen.

Bei den vielen, vielen Gebäuden, die kein Eiffelturm werden sollen und können, müssen Funktion und Design aber in Balance sein. Herausragendes Design kann hier schnell zur Belastung werden. Die Elbphilharmonie in Hamburg könnte ein solches Beispiel werden. Möglich ist aber auch, dass die Kritiker abgestraft werden und dass dieses Gebäude zum Eiffelturm Hamburgs wird. Zum Glück kann auch ich dies nicht abschließend klären. Wir werden also auch in 100 Jahren noch darüber streiten, was schön und was gute Architektur ist. Und hinterher sind alle immer schlauer.

Ach ja und noch ein abschließender Tipp für junge Architekten: Nur wer gegen den Strom schwimmt, kommt an die Quelle. Viel Spaß beim Schwimmen.

Bernhard Frohn

"Mich begeistern nachhaltige Lösungen, die langfristig alle zu Gewinnern machen. Einseitiges Wirtschaften zum kurzfristigen Nutzen weniger wird uns auf die Füße fallen. Das ist kein politisches Statement von mir, sondern ich behaupte, dass nur mit konsequenter Nachhaltigkeit langfristig unsere sozialen und wirtschaftlichen Systeme stabil bleiben werden. Die zunehmende Instabilität unserer sozialen und wirtschaftlichen Systeme sind gerade gut zu beobachten. Kann mir jemand erklären, wie in einem der reichsten Länder der Welt, nämlich in Deutschland, die Kinderarmut steigen kann? Hier ist HANDELN angesagt, wie gesagt, zum Wohle Aller und mit dem Blick in die Zukunft!"

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